Archiv für Januar, 2009

Wer war Karl Roche?

Posted in Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Eine biografische Skizze

Ich kann mit der Feder ruhiger reden als mit der Zunge …

Das Archiv Karl Roche versteht sich als Regionales Archiv zur Dokumentation des Anarchosyndikalismus in Hamburg, das die Geschichte dieser Bewegung in Hamburg – Altona und Umgebung, dem ehemaligen Groß-Hamburg, dokumentieren möchte. Ziel der Archiv-Forschung soll die Aufarbeitung des geschichtlichen Anteils derjenigen Genossinnen und Genossen sein, die für den freiheitlichen Sozialismus und Anarchismus gekämpft haben. Der Verdrängung dieses Teil der radikalen Arbeiterbewegung soll entgegen gewirkt werden. Namensgeber ist der aus Königsberg stammende Hamburger Genosse Karl Roche – eine führende Persönlichkeit beim Aufbau der FAUD/S. Er verstarb am 1. Januar 1931 in Hamburg.

Karl Roche – „Isegrim“, „Diogenes“
* 31.10.1862 in Königsberg/Preußen als Johann Friedrich Carl Roche – +1.1.1931 in Hamburg
Verheiratet mit Emma, geb. Lange, geboren 22.8.1864 zu Thorn/Ostpreußen
Bauhilfsarbeiter, zahllose Haftstrafen als Agitator für die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung der Bauarbeiter, ab 1906
Angestellter des Bauhilfsarbeiter-Verbandes in Bochum und Hamburg – Eklat um seine Veröffentlichung Aus dem roten Sumpf, Übertritt zur FVdG. Aktives Mitglied der Hamburger Syndikalistischen Föderation, führender Kopf bei der Gründung der FAUD/S, kurze führende Rolle in der AAU in Hamburg; Beitritt zur Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) und Rückkehr zur FAUD/AS 1923, erster Beitrag im Syndikalist nach dem gescheiterten Putsch der KPD in Hamburg im Oktober. Veröffentlichte unzählige Agitations- und Theorie-Beiträge in der Wochenzeitung Der Syndikalist. Aktiv bis zu seinem Tode Anfang 1931.

Karl Roche
Am 1. Januar dieses Jahres starb unser ständiger Mitarbeiter, der alte Genosse Karl Roche in Hamburg, dessen Artikel unter ‚K.R.’ und vielen Pseudonymen alle unsere Genossen und Leser gut kennen. Mit Karl Roche ging einer der Älteren unserer Bewegung von uns, der ein langes Stück Geschichte der FAUD miterlebte. Einige Jahre vor dem Kriege kam er aus dem ‚Deutschen Bauarbeiterverband’ wo er Angestellter gewesen war, zur Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften. Schonungslos enthüllte er in der bekannten kleinen Broschüre ‚Aus dem roten Sumpf’ die Verhältnisse im zentralverbändlerischen Lager. Seitdem arbeitete Karl Roche mit kurzen Unterbrechungen an der Presse der deutschen syndikalistischen Bewegung mit. Auch rednerisch und als Verfasser einer Reihe von Broschüren half er an der Ausbreitung seiner und unserer Ideen mit. 1913 nahm er am Ersten Internationalen Syndikalistenkongreß in London, zusammen mit den Genossen Fritz Kater und Karl Windhoff, teil.
Sein letzter Gruß, den er uns unmittelbar vor seinem Tode schrieb, enthielt ein Versprechen weiterer schriftstellerischer Mitarbeit, der seine letzte Sorge galt. Der Tod aber hat ihn abgerufen. Karl Roches Leben war durch alle Stürme und äußeren wie inneren Kämpfe der Bewegung hindurch stets das Leben eines aufrechten Kämpfers. Ehre seinem Andenken“

(Der Syndikalist, Nr. 2/1931)

»Karl Roche gehörte schon vor dem ersten Weltkrieg zur FVdG, von Beruf Büroangestellter, hatte er vor dem Krieg im Seeschifferverein gearbeitet. Nach dem Krieg entfaltete er in Hamburg lebhafte Aktivitäten und publizierte bis 1930, seinem Todesjahr, im ‚Syndikalist’ und der ‚Internationale’ zahlreiche Aufsätze. K. Roche gehörte eher dem etwas puristischem syndikalistischen Flügel der FAUD an.«
(Angela Vogel, Fußnote 321)

Quellen:
• Staatsarchiv Hamburg – PP 331-3 S 7762 – Polizei-Akte der Polizeibehörde Hamburg – Abteilung II Politische Section

Deutsche Wobblies gegen den Anarchosyndikalismus ?

Posted in Barrikade #1, Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Eine Polemik aus besonderem Anlaß
Es ist schon befremdlich, dass sich hierzulande ehemalige FAU-Mitglieder den amerikanischen Wobblies, den Industrial Workers of the World, anschließen. Mittlerweile wird der Eindruck überdeutlich, daß die IWW-Germany eine reine Kopfgeburt ehemaliger Anarchosyndikalisten ist (»Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche!«).

Bis vor einigen Jahren wollten die IWW noch Mitglied in der revolutionär-syndikalistisch/anarcho-syndikalistischen Internationale, der IAA werden. Das scheiterte bereits mehrmals am internen Widerstand der nicht-libertären Mehrheit in der IWW – speziell in den USA und England. Nun betreiben die IWW einen neuerlichen Expansionskurs (der erste Versuch erfolgt 1918, der zweiter Mitte der Zwanziger Jahre, Aktivitäten gab es in Germany bis zur Zerschlagung durch den Nationalsozialismus) in viele nicht englisch-sprachigen Länder Europas und wollen hier erneut Fuß fassen. Bloß bei wem wollen sie Mitglieder abfischen? Sozialistische GewerkschaftsLinke organisieren sich immer und ewig im DGB und orthodoxe Kommunist/innen haben erst recht kein Interesse, ihre parteipolitischen All-machtsphantasien über die Arbeiterklasse an eine amerikanische Gewerkschaft abzugeben. Wer bleibt, sind Telefonzellen-Trotzkist/innen, die hier in Deutschland als angeblich anti-stalinistische bolschewistische Fraktion noch übrig sind (also diejenigen, die nicht ihrer Lieblingsbeschäftigung des Entrismus in der Linken oder der SPD nachgehen). Aus Ermangelung eines fruchtbaren unbeackerten Betätigungsfeldes für unionistische Ideen, kann es sich deshalb nur um einen Abwerbeversuch gegenüber dem organisierten Anarchosyndikalismus handeln, denn auch die versprengten Reste der Wildkatzen hegen ja keinerlei Organisierungsgelüste und sind eher auf einem ideologischen Fusionstripp mit einigen  Rätekommunist/innen, die wollen sich vielleicht selbst in der Kosmoprolet-Zeitschrift Aufheben. Die »Strömungs«-Linken  (wie z.B. die Interventionistische Linke um die Arranca) interessieren sich mehr für »action« als für GewerkschaftsArbeit und Betriebs-kampf, ihr Lebensmittelpunkt ist ja auch nicht die Fabrik oder das Büro. Der Gegner ist demnach die anarchosyndikalistische FAU-IAA, das beweisen auch die ersten Diskussionen in deren Chatroom und Holger Stuhlfauths Attacken in der Oktober-Ausgabe der graswurzelrevolution (#133) [1].
Dies nenne ich –schlicht dem amerikanischen militär-kapitalistischen Sprachgebrauch folgend– eine versuchte »feindliche Übernahme«. Mehr als ein Aufmucken ehemaliger FAU-Mitglieder, die enttäuscht das nächste Faß aufmachen, um sich selbst zu berauschen, wird das allerdings nicht werden. Bisher war es nämlich üblich, dass sich Wobblies den »nationalen« Gewerkschaften ihres Gastlandes anschlossen, in unserem Fall der FAU-IAA. Andere Länder, andere Sitten, so jedenfalls auf der UK-Insel (England, Schottland), in Italien und sonstwo. Hier fällt übrigens auf, dass die IWW mal nationalistisch sind, wie z.B. im Vereinigten Königreich von Littlebritan, denn dort gibt es eine IWW-UK und eine IWW Scotland (deren Farbe ist übrigens blau und nicht Wobbly-Rot), und im deutschsprachigen Raum geben sie sich explizit antinational, hier wurde alles unter einem German Language Area Members Regional Organizing Comitee (GLAMROC) [2] zusammenfaßt, also Öster-reich, Schweiz, Deutschland, und Luxemburg,  warum dann nicht gleich ein großdeutsches oder pangermanisches GMB?

Die IWW-Ideologie – Unionismus für Alle?
I »With the IWW, you also belong to a union that has a long term vision and plan to eliminate the bosses, make our industries and economy democratic, and stop war and want and inequality. So join us.«
http://www.iww.org/join/whyjoin.shtml

II »Die Industrial Workers of the World sind eine internationale revolutionäre Gewerkschaft, die im Jahr 1905 in den USA gegründet wurde. Durch diese Group kommunizieren und diskutieren die deutschen Mitglieder und UnterstützerInnen der IWW miteinander.

Ziel ist:
• der Aufbau der einen großen Gewerkschaft für alle ArbeiterInnen weltweit auch in Deutschland,
• die Überwindung des Kapitalismus und der Lohnsklaverei,
• die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel.«
http://de.groups.yahoo.com/group/IWW-Germany/

III »Die IWW repräsentiert einen eigenständigen Strang in der Ideen- und Organisationsgeschichte der Arbeiterbewegung, der als Unionismus be-zeichnet wird. Sie sieht sich als die ‚One Big Union‘, ein Zusammenschluss der gesamten arbei-tenden Klasse auf betrieblich/ökonomischer Basis. Wenngleich der Unionismus Elemente sowohl des Anarchismus als auch des revolutionären Syndikalismus in sich aufgenommen hat, zählten zu den Mitgliedern der IWW stets Arbeiterinnen und Arbeiter mit verschiedenen Weltanschauungen. Von anarcho-syndikalistischen Organisationen unterscheidet sich die IWW sowohl durch eine größere weltanschauliche Offenheit als auch im organisatorischen Aufbau durch eine weitaus weniger föderalistische, also zentralere Organisationsstruktur.«
http://de.wikipedia.org/wiki/IWW#Philosophie

Also – was denn nun? In Deutschland sind die Wobblies anscheinend etwas völlig anderes als in den USA. Die Amerikanischen Wobblies sind heutzutage nichts weiter als radikale, unpolitische Gewerkschafter, die eine friedliche Welt ohne Bosse fordern, sie wollen keinen Krieg und die Industrie und Wirtschaft demokratisieren. Selbstverständlich, Demokratie bedeutet Volksherrschaft – aber stehen diese langfristigen Forderungen der Original-IWW nicht in krassestem Widerspruch zu der deutschsprachigen Internet-Seite, die »die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel« als Ziel proklamiert?
Das ist doch eine anarchosyndikalistische resp. revolutionär-unionistische Forderung nach einer sozialistischen Räterepublik. Davon ist aber  bei den US-Wobblies heute nichts mehr zu lesen. Der amerikanische Unionsmus der IWW war nie etwas anderes als revolutionärer Syndikalismus – und das ist ein politisch völlig anderes Konzept als der Einheitsorganisations-Unionismus von Teile der AAU und der AAU-E in Deutschland. Die AAU-E wie auch der Anarchosyndikalismus kämpften entschieden gegen politische Parteien und deren schädlichen Einfluß auf die Arbeiterklasse; die Wobblies lehnen Parteien nicht grundsätzlich ab.

Der Unterschied zwischen Unionismus
und anarchistischem Syndikalismus
Der Hamburger Anarchosyndikalist Karl Roche [3]veröffentlichte  bereits 1910  in der  syndikalistischen Die Einigkeit seine Meinung zum Unterschied zwischen Sozialismus/reinem Syndikalismus und den Aufgaben des Anarchismus: »Wir wurden ‚sozialdemokratische Anarchisten‘, wir wurden etwas Unmögliches: ‚Anarcho-Sozialisten‘. Ein Unding! (…) der Durchschnittsmensch (…) muß trachten, mit seiner Gemeinschaft die wirtschaftliche Macht zu erringen, muß – Sozialist sein. Wir wollen die Produktionsmittel zum Eigentum der arbeitenden Menschheit machen. Das wollen wir alle, ob wir uns nun Anarchisten oder Sozialisten nennen. Aber – ich meine – als Anarchist muß man noch mehr wollen: das gemeinsame Eigentum an den Produktionsmitteln darf dem Einzelnen nicht zur Fessel seiner persönlichen Freiheit werden. Ich kann mir vorstellen, daß in einer sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft mit staatlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Verpflichtungen der dann gewiß viel höher stehende arbeitende Mensch gerade darum, weil er ganz andere Begriffe von dem Menschenrecht hat, die Fessel dieser Gesetze und Verpflichtungen noch viel drückender empfinden wird als der heutige sozialistisch denkende Lohnarbeiter. Darum erachte ich es als eine Hauptaufgabe des Anarchismus, den sozialistischen Arbeitern zu sagen, daß der Sozialismus nicht das Ende der geschichtlichen Entwicklung sein kann, weil er dem Menschen nicht die volle persönliche Freiheit bringt.

„Das Täubchen liebt die sicheren Kreise,
Nicht fragend, ob’s gefangen sei;
Doch nur der Vogel auf der Reise,
Der heimatlose, der ist frei.“

(…) Nach meinem Dafürhalten haben die Anarchisten heute die eine Hauptaufgabe, den Arbeitern immer wieder vor Augen zu halten, daß auch der Sozialismus mit dem Verzicht auf persönliche Freiheit verbunden ist und daß die Kampfgemeinschaft mit den Sozialisten nur soweit reichen darf, als es gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung geht. Eine Verbindung aber von Anarchismus und Sozialismus den Arbeitern vorreden zu wollen, ist eine Täuschung, die sich einmal am Anarchismus selbst rächen muß. – Karl Roche.« [4]
Genau hier liegt der Hund begraben, hier liegt auch die Ursache für die Entstehung des Anarcho-Syndikalismus. Die I.W.W. kann diesen Wider-spruch nicht lösen. Man kann nicht einerseits gegen den Staatskommunismus leninistischer Couleur und dessen trotzkistische oder stalinistische Abarten wettern (»konterrevolutionär«! Paul Mattick 1933 [9]) und andererseits »den Arbeitern« vorgaukeln, als wenn mit radikal-reformistischen Parolen nach einer »Demokratisierung der Industrie» und der »Abschaffung der Lohnsklaverei« – dem Sozialismus schlechterdings – alles erreicht wäre. Wenn schon kämpfen, dann lieber für ein wirkliches Ziel, als »freier Zugvogel« und nicht als »zahmes Täubchen im sicheren Käfig«, sonst könnten wir doch gleich im DGB die linksradikalen Militanten mimen. Hat nicht Joe Hill gegen das St.-Nimmerleins-Prinzip sein »You get pie in the sky when you die« gesungen?
Internationale Gewerkschaft – was ist das?
Wie will eine »internationale Gewerkschaft« mit weltweit kaum mehr als 2.500 Mitgliedern (2006/07) einheitliche Arbeitsbedingungen und Löhne durchsetzen, wenn das noch nicht einmal innerhalb der Europäischen Union oder auch nur in einem einzigen deutschen Industriezweig (mehr) funktioniert, weil die Kapitalisten die Flächentarifverträge zertrümmert und die gelben DGB-Gewerkschaften das ohne Gegenwehr hinge-nommen haben. Um überhaupt das Bewußtsein für Flächentarife wieder zu schärfen, müssen die Proleten ihren Standesdünkel ablegen und die sozialistische Forderung nach gleicher Entlohnung aller Arbeiterkategorien wieder aufnehmen und durchsetzen wollen.
Natürlich sind weltweite Standards nicht erst wegen der kapitalistischen Globalisierung notwendig, sondern weil wir ‚von unten‘ über alle Bereiche unseres Lebens entscheiden wollen, egal in welchem Planquadrat des Planeten wir leben.
Aber es ist Unsinn, solange es noch nationale arbeitsrechtliche und tarifpolitische Unterschiede gibt, solange sind keine globalen Tarifverträge oder andere Vereinbarungen durchsetzbar.

►  Weder die ITF konnte in neunzig Jahren ihrer Existenz einen weltweit gültigen Tarif für Seeleute durchsetzen, obwohl die Seeschiffahrt global vernetzt ist.
►    Trotz europäischer Konzerne mit EU-Betriebsräten gibt es bisher keinen einzigen europäischen Tarifvertrag oder eine europäische Tarifpolitik des EGB.

Natürlich müssen wir dafür kämpfen, aber doch nicht als Mitglied einer amerikanischen Gewerkschaft! Die Wobblies zäumen zentralistisch das Pferd von hinten auf, wäre spannend zu wissen, ob z.B. alle Starbucks-workers in den USA den gleichen Lohn bekommen und wie die IWW Starbucks-IU hier für einen einheiltichen Tarifvertrag kämpft.

»Der Betriebsrat ist der Hausknecht des Unternehmers« – Parole der AAU, 1920
Wie sollen in Europa ganze 400 IWW-Mitglieder bessere „working conditions“ erkämpfen, wenn z.B. eine Kölner Betriebsgruppe der IWW im Juni 2008 nicht einmal soviel Rückgrat hatte, einen Betriebsrat zu gründen? [5]: Bei Boesner machte die IWW Germany alles falsch, was nur falsch zu machen war: keinerlei Ahnung von arbeitsrechtlichen Vorschriften und dem Betriebsverfassungsgesetz prägten hier die Aktion. Das dokumentiert das Flugblatt der Wobblies Köln, das vor dem Betrieb verteilt wurde. Im Industrial Worker July-August 2008 schreiben sie dann von einer bösen Unternehmens-Kampagne gegen die gewerkschaftliche Organi-sierung, vom »union busting« [5] – obwohl die Wobblies gar nicht als Gewerkschaft angetreten waren, IWW-Kolleg/innen wollten nur die Wahl eines Betriebsrates durchzusetzen. Hier macht ihr mehr Wind als ihr laue Luft gesät habt. Das war nicht besonders »modern« und steht garantiert nicht in der Tradition eines revolutionären Unionismus, Syndikalismus oder auch nur klassenbewußten linken Gewerkschaftertums.
Das war lächer- und peinlich, weil ihr ja damit prahlt, daß ihr in jeder Auseinandersetzung »bein-hart zu den Interessen der Lohnabhängigen«, steht, so steht‘s jedenfalls in Eurem Flyer. Überstunden verweigert ein jeder revolutionäre Gewerkschafter/Unionist schlicht und einfach durch die direkte Aktion der Ablehnung dieser Mehrarbeit und einem defekten Lastenfahrstuhl begegnet er mit einem Boykott dieses kaputten Arbeitsmittels – es hilft auch ein (notfalls anonymer) Anruf bei der Berufsgenossenschaft oder der Gewerbeaufsicht.

Starbucks – ein Flop
Und beim »Global Action Day« Eurer eigenen internationalen Starbucks Workers‘ Union wart ihr in ganz Deutschland nicht auffindbar – so mußte im Industrial Worker berichtet werden, daß die FAU-IAA den Aktionstag alleine bestritt … Auf der deutschen Homepage war auch tagelang kein Bericht zu finden. Sicherlich war der verantwortliche Redakteur im Urlaub, aber bei der ersten gemein-samen internationalen Aktion von IWW, der IAA und weiteren radikalen Gewerkschaften weltweit ist das mehr als ein Armutszeugnis.

Strategie und Taktik
Eure gewerkschaftliche Praxis und Strategie ist es auch, die uns nicht gerade zueinander bringt: die Wobblies nutzen die amerikanische Arbeitsgesetzgebung zur Durchsetzung ihrer Gewerkschaftsrechte (NLRB); anarchosyndika-listische Gewerkschaften vermeiden dies nach Möglichkeit und nutzen die Schlupflöcher eines verrechtlichen Paragraphendschungels. Wir an-erkennen das Tarifvertrags- und das Betriebs-verfassungsgesetz nicht, weil es sich dabei um post-faschistisches Arbeitsrecht handelt, das den Klassenkampf verbietet. Auch die Bevormundung durch den Staat, was eine Gewerkschaft ist und zu sein hat entspricht nicht unserer Vorstellung, denn eine Arbeiterorganisation, muß sich ihre eigenen Regeln geben und darf nicht zur Kollaboration mit den Ausbeutern gezwungen werden.
Ebenso skeptisch beurteile ich die Kampagnen-Politik der IWW, die über externe Organizer betriebliche Aktivitäten schüren. Gegen eine lokale Unterstützung von gewerkschaftlichen Kämpfen durch union supporters spricht natürlich nichts! Da sich das aber nur bei ‚dicken Fischen‘ »lohnt«, macht ihr brandworking (nur ein neues, amerikanisches Wort für Firmen-Boykott) zwangsläufig nur dort, wo überregionales oder nationaler Interesse/Öffentlichkeit besteht, so wie beim Kaffeekocher Starbucks. Ihr nehmt damit den Arbeiter/innen in ihrem Kampf einfach zu viele Arbeit in ihrer Selbstorganisation ab und damit auch – deren Entscheidungshoheit, ihre Autonomie über ihren Kampf. Außerdem führt diese Taktik dazu, dass die »unbedeutenden«, die kleinen Arbeitskonflikte nicht die gleiche Aufmerksamkeit der Organisation erfahren, es lohnt »medial« einfach nicht. Das kennen viele bereits von den riesigen deutschen Geister-Gewerkschaften. Andererseits, ihr seid ja auch zentralistisch organisiert – da müssen eben Prioritäten gesetzt werden …
Und die Wahrheit ist auch mal wieder eine andere:  die »brandworkers« (zu deutsch: Marken-Arbeiter) sind keine IWW-Veranstaltung [6], sondern eine neue »unabhängige« US-NGO [7], die  Arbeitern zu ihrem Recht verhelfen will. Daß aber ausgerechnet ein teufelsaustreibender Straßen-Happeningkünstler wie der Konsumverzichtsapostel »Reverend Billy« und ein echter Baptisten-Pastor zu den Haupt-agitatoren der »Brandworkers International« gehören, ist nur dann eine amüsante Angelegenheit, wenn uns »Was würde Jesus kaufen?«-Parolen der Church of Stop Shopping nicht nerven. Wenn das Joe Hill noch erleben müßte … aber vielleicht wird in den USA ja gerade die Arbeiterbefreiungstheologie gestiftet.

Die Londoner General Assembly – August 2008
Bitter steht es auch um das Demokratieverständnis der Wobblies. In der graswurzelrevolution [1] schreibt Heiner Stuhlfauth (Ex-FAU-Mitglied aus Köln), daß die »General Assembly der IWW« jährlich tagt, aber keinerlei Beschlußkraft besitzt. Dennoch entscheidet sie bzw. die finanziell mit dem nötigen Reisekleingeld ausgestatteten anwesenden Mitglieder – es ist also keine Delegierten-Versammlung! – darüber, welche schriftlichen Fragen allen IWW-Mitgliedern zur  Urabstimmung vorgelegt werden. Wie es scheint, wurde die Frage nach einer Dezentralisierung bzw. Regionalisierung der IWW erst gar nicht ins Referendum geschickt, weil der »Assembly-‘Filter‘« dieses »föderale Modell nach dem Vorbild der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA)« wohl nicht schmeckte, denn Kollege Stuhlfauth weiß seine gwr-Leser/innen darüber zu unterrichten, daß aufgrund »der Grabenkämpfe, Animositäten, ja Verrücktheiten der anarchosyndikalistischen IAA in den letzten Jahrzehnten (…) vor einem solchen Föderalismus nur warnen« kann. Seine abstruse Begründung für diese Einschätzung liegt darin, daß jede/r Arbeiter/in der Welt »jederzeit und überall« der OBU beitreten kann und daß es »prinzipiell keine nationalen Grenzen gibt und kein Denken in staatlich begründeten Kästchen und Territorien«. So ist es – aber dennoch sträubt sich eine »starke –  auch minoritäre – Strömung« in den USA gegen Veränderungen in diese Richtung. verständlich, denn dann würde die amerikanische Überlegen verloren gehen.
Bleibt es nämlich so bzw. kommt es gar nicht erst zur Abstimmung über den bösartigen Virus namens »Föderalismus«, dann können sich GLAMROC und BIROC (British Isles Regional Organizing Comitee) ihre Bemühungen um eine repräsentative Vertretung innerhalb der IWW abschminken. Denn auch so: die schweigende Mehrheit in den USA kann nach geltendem Statut jederzeit dieses Ansinnen ausbremsen – und futsch ist die weltweite Halluzination dieser englischsprachigen Industrie-Union. Damit verfliegt die angeblich »neue Blüte« der Perspektive, »erstmals »außerhalb des englischsprachigen Raumes, Fuß zu fassen« noch bevor sich die barrikade ihrer angenommen hatte.
Diese peinliche Attacke von Stuhlfauth gegen die IAA und damit das öffentliche Anbiedern an ehemalige und aktuelle Feinde oder ideologisch unsichere Kantonisten: einigen deutsche Wobblies fliegt ja vielleicht auch der Draht aus der Mütze, wenn sie erfahren, daß der bisherige General Secretary Treasurer (bezahlter Funktionär der IWW, Sekretär und Schatzmeister) kehlig-zornig  »I‘m a miner‘s son« auf dem Tisch interpretiert, von Beruf aber Prediger sein soll. Das fand Kollege Stuhlfauth so anhimmelnd, daß er gleich seine lutherischen Erbanlagen und Herkunft aus einem Bergarbeiterstädtchen mitteilen mußte. [1]

Linksradikaler Unionismus –
oder nur Gewerkschaftertum?
I »Wir haben Buddhisten, Anarchisten, Pazifisten, Sozialisten, Rätekommunisten, Christen und Karnevalisten (alle auch in weiblicher Ausführung) in unseren Reihen …«
iww_selbstdarstellung_folder_april2007

II »Die IWW ist nicht politisch definiert
Die IWW ist als Organisation nicht politisch definiert und mischt sich nicht in die politischen Überzeugungen oder Aktivitäten ihrer Mitglieder ein. Sie verlangt nur, dass politische Ansichten zu keinen Spaltungen innerhalb der Gewerkschaft führen. Dies erlaubt ArbeiterInnen mit ver-schiedenen politischen Überzeugungen sich im Kampf zu vereinen, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen. Die IWW konzentriert sich auf direkte ökonomische Aktionen (Streiks, Arbeitsniederlegungen, Boykotte), da die Ge-schichte zeigt, dass die politische Macht in den Händen derjenigen liegt, die auch die ökonomische Macht innehaben. Die IWW glaubt, dass alles, was ArbeiterInnen von PolitikerInnen gegeben wird, genau so schnell wieder weggenommen werden kann – vielleicht sogar mit Zinsen.« [8]

Die IWW bezeichnen sich als »Gewerkschaft für alle Arbeiter« – sie sind also eine Klassenkampf-organisation, die alle Arbeiter umfassen will, egal welcher politischen Meinung sie sind oder welcher politischen Organisation sie sonst noch angehören. Es  sollen sich also deutsche Stalinisten mit anarchistischen und rätekommunistischen Genoss/innen in dieser mini-globalen One Big Union miteinander organisieren und kämpfen – das ist ihre Bandbreite einer »größere[n] weltanschauliche[n] Offenheit«. Das macht keinen Sinn, denn sie kämpfen gemeinsam »nur« für ihre ökonomische Interessen – später stellen dann die einen die anderen wieder an die Wand, aus politischen Gründen!
Aus anarchosyndikalistischer Sicht widerspricht also nicht nur der Zentralismus der IWW unseren föderalistischen Strukturen, sondern auch ihre politische Toleranz, Hauptsache: Arbeiter!

Nur ein deutsche Wobbly-Supporters-Club
Zudem erlauben die gravierenden Unterschiede zwischen angelsächsischem und amerikanischem  Arbeitsrecht und dem westeuropäischem, latein-amerikanischem, afrikanischem und asiatischem  keine weltweite Einheitsgewerkschaft.
Deshalb ist die deutsche Wobbly-Filiale nichts weiter als ein Supporters-Club ihrer amerikanischen »fellow workers«, weil kein/e deutsche/r Arbeiter/in arbeits- oder verfassungsrechtliche Ansprüche als Mitglied einer US-Gewerkschaft in good old Germany geltend machen oder gar einklagen kann, denn als Gewerkschaft müßte die IWW Germany hier registriert sein, um »legal« aktiv werden zu können; in ihrer Satzung steht nirgends der Hinweis, dass sie eine Gewerkschaft nach deutschem Gewerk-schaftsrecht sind oder sein wollen.
Außerdem ist der Knochen der »Einheit der Arbeiterklasse« in einer einzigen Organisation ist für uns in Deutschland seit der vernichtenden Niederlage von 1919 abgenagt. Auch in Spanien, Frankreich und Italien wird es so etwas niemals geben, da müssen sich die Wobblies schon eine andere Arbeiterbewegung suchen.
Zur Aktivierung des globalen Klassenkampfes für eine freiheitliche Gesellschaft bedarf es einer funktionierende Internationalen Arbeiter-Assoziation in der die Wobblies ihre Arbeit im englischsprachigen Teil des amerikanischen Kontinents erledigen sollten.
Also, german comrades, schickt Eure delegate-at-large [10] und andere little helpers wieder nach Hause in die Vereinigten Staaten von Amerika, dort sollten sie zuallererst mal organizen und ihren Klassenkampf führen, da gibt’s ja bei nicht mal 2.000 Mitgliedern noch genügend Arbeit. Erst wenn wir überall wirklich eine reale Basis haben, können wir gemeinsam den globalen Klassenwiderstand nach dem immerjungen IWW-Motto: »An Injury to One is an Injury to All!« führen. ♦

• Folkert Mohrhof –  Archiv Karl Roche, Hamburg
Ex-IWW [x342180 / 1996] und Ex-FAU Hamburg

Zwei Sozialisierungsfragen

Posted in Archiv Karl Roche on Januar 12, 2009 by archivkr

Verlag der Syndikalistischen Föderation Hamburg

Berlin, 1919

  • 1. Wer soll sozialisieren?
  • 2. Ist die zusammengebrochene Wirtschaft für die Sozialisierung reif?

Wer soll sozialisieren?

Die November-Revolution hat den offensichtlichen Beweis erbracht, daß die deutsche Arbeiterklasse den Mut nicht finden kann, die Revolution bis zum Sozialismus durchzuführen. Vom sozialistischen Standpunkte aus betrachtet befindet sich die deutsche Arbeiterklasse in ihrer Mehrheit in einem bedauernswerten Zustand. Sie ist in politische Parteien gespalten, die alle den Wortsozialismus üben, aber den Tatsozialismus verleugnen; sie kann sich weder vom bürgerlichen Denken noch von der sklavischen Voreingenommenheit befreien, die Lohnarbeit sei etwas unabänderlich Gegebenes, etwas Natürliches, dem sie nie entrinnen könne. Die politischen Parteien hypnotisieren die Arbeiter mit Schlagwörtern. Die eine Partei verspricht, wenn möglich, immer noch mehr wie die andere. So wird das politische Denken des Arbeiters zerstückt und in einem Nebel von unklaren Vorstellungen gehalten. Das ist der leider so furchtstrotzende Urgrund aller Uneinigkeit in der Arbeiterklasse.

Die Klassenorganisationen der Arbeiter sind die sozialdemokratische Partei, die zentralorganisierten Gewerkschaften und die mit der Hamburger Großeinkaufsgesellschaft verbundenen Genossenschaften. Die Partei sagt selbst von sich, daß sie die berufene Führerin der Arbeiter sei, die den Sozialismus erkämpfen werden. Die zentralen Gewerkschaften und Genossenschaften rühmen von sich, den Arbeiter die wirtschaftliche Organisation zu geben, die Produktion und Austausch zu übernehmen, den Kapitalismus abzulösen können. Die Partei wollte ihr Ziel erreichen durch die Eroberung der politischen Macht. Die Gewerkschaften wollten den Tageskampf um die Verbesserung der Lohnarbeit führen, dabei die „konstitutionelle Fabrik“ vom Unternehmer abhandeln und auf diese leichte Art den Unternehmer aus seinem Betrieb schließlich herauszudrängen. Die Genossenschaften wollten die Arbeitergroschen zusammensparen, damit die sozialistische Produktion beginnen und den Kapitalismus niederkonkurrieren. Das alles haben die Arbeiter geglaubt. Es war ihnen zum Evangelium geworden. Und nun, wie es ernst wird, wie die Revolution da ist und gebieterisch die Vollfüllung jener Versprechen fordert, nun kommt das grausame Erwachen. Die drei großen Heersäulen des organisierten Arbeitsvolkes erklären einmütig und mit freier Stirne: Wir können nicht! Wir können nicht sozialisieren!

Die führenden Genossen mögen den besten Willen und die ehrlichsten Absichten gehsbt haben, auf den Wegen, die sie als richtig erkannten, das hehre Ziel des Sozialismus zu erreichen. Aber heute, nach sechs Monaten Revolution, ist es augenfällig erwiesen, daß sie sich getäuscht haben. Sie geben ja selbst zu, das Kampfspiel verloren zu haben, wenn sie nun im kritischen Augenblick sagen, wir können nicht. Die Sozialdemokratie hat eine fünfzigjährige Tätigkeit hinter sich. Die zentralen Gewerkschaften blühten in großen Zahlen seit drei Jahrzehnten und in derselben Zeit nahmen die Genossenschaften einen schönen Aufstieg. Und auf der Höhe ihrer Macht ereilte sie der Weltkrieg. Sie schlossen den „Burgfrieden“ mit den Feinden der Arbeiterklasse. Sie halfen die nationalen Leidenschaften schüren, sagten: der Tod auf dem Schlachtfelde sei auch für den Arbeiter patriotische Pflicht. Wenn man auch schaudert, das von den „Klassenkampforganisationen“ feststellen zu müssen: es sind eben nackte Tatsachen. Der Zusammenbruch kam.

Jetzt auf einmal ist die Arbeiterklasse nicht „reif“, selbst sozialisieren zu können. Jetzt könne man bei der Sozialisierung auf die Mitwirkung bürgerlicher Kreise nicht verzichten. Jetzt müsse manmit den Feinden des werktätigen Volkes, mit der Bourgeoisie eine Regierungsgemeinschaft, die „Demokratie“ bilden, um die Sozilisierung in die Wege leiten zu können usw.

Als weiteres Hindernis gegen die Sozialisierung wird vorgeschützt: der Kapitalismus liege in Trümmern. Auf diesem Trümmerfelde könne kein Sozialismus erblühen. Erst müsse der Kapitalismus wieder auf der Höhe seiner alten Macht sein und überquellenden Reichtum für sich aus der Lohnarbeit herausgeschunden haben. Erst der dem Proletariate gestohlene Überfluß ermögliche den Sozialismus ….

Es muß ein netter Sozialismus sein, der sich in den antisozialistischen Schädeln der sozialdemokratischen Führung eingenistet hat! Es soll doch gerade der Sozialismus die gesellschaftliche Organisation der Arbeit und des Verbrauchs sein, die ein nie geahntes Maß von Gütern und Glück über die Menschheit schüttet. Es soll der Gesellschaftszustand sein, der die Arbeit ergiebig machen wird, wie nie zuvor. Der Sozialismus ist doch produktiv und verwaltungstechnisch dem Kapitalismus weit, weit überlegen. Ist dem so – und ohne Zweifel ist der Sozialismus die höhere, wenn nicht die höchste Steigerung der Ergiebigkeit nutzbringender menschlicher Tätigkeit – dann muß man doch logischerweise die zerschlagene Wirtschaft mit sozialistischen Arbeitsmethoden gesunden und nicht mit kapitalistischen. Eine verfehlte Weltordnung brach zusammen und man willeine neue nach der alten fehlerhaften struktur errrchten!

Mit solchen Scheingründen wider die Sozialisierung erklärt die sozialdemokratische Arbeiterbewegung ihren inneren Zusammenbruch. Das wird auch der Teil der Arbeiterschaft begreifen müssen, dessen Denken von doktrinären Parteilehren eingeengt ist. Und damit ist es ohne weiteres klar, daß weder die Sozialdemokartie, noch eine sozialdemokratische Regierung oder gar eine Koalitionsregierung, wie wir sie gegenwärtig (1. Mai 1919) in Deutschland haben, fähig wäre, so zu sozialisieren, daß daraus die sozialistische Gesellschaftsordnung erwachsen könnte.

Der Fundamentalirrtum, an dem die Arbeiterbewegung leidet, und der die soziale Revolution nicht aufkommen läßt, ist, daß die Sozialdemokratie allgemein für sozialistisch gehalten wird. Dafür gibt sie sich aus. Sie ist es aber nicht. Und sie kann es nicht sein. Sogar ihr Name schließt den Sozialismus aus. Als „Demokratie“ muß sie die politische Gemeinschaft mit den besitzenden Klassen, mit den Todfeinden der Arbeiterklasse aufrechterhalten. Es wäre doch ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie die Ausbeutung mit Einwilligung der Ausbeuter beseitigen könnte! Die Sozialdemokratie ist eine bürgerliche Reformpartei. Als solche war sie immer tätig, und als solche muß sie für die soziale Revolution versagen. Über den Staatskapitalismus kann die Partei nicht hinaus. Auch der Staatssozialismus ist unmöglich, denn Staat und Sozialismus schließt einander aus. Der Staat ist die zusammengefaßte Obrigkeit über die Lohnarbeit. Er sorgt für die Arbeiter insoweit, daß sie fortarbeiten können, Lohnsklavennachwuchs aufziehen und dabei ruhige Untertanen bleiben. Der Sozialismus organisiert die freiwillige Arbeit. Der Zwang fällt fort und damit sind die Obliegenheiten des Staates erledigt. Der Sozialismus bedarf des Staates nicht; der Sozialismus kennt nur die Demokratie der werktätig Gleichberechtigung. Die Kommune ist die politische Organisation der sozialistischen Arbeits- und Austauschweise. Der Sozialismus stellt die Arbeitsfähigen in die nutzbringende Produktion. Militär, Handel, Bureaukratie sind dann nicht mehr. Die Arbeit wird zur Last, die Arbeitszeit kann außerordentlich begrenzt werden. Die sozialistische Erziehung bildet die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen harmonisch aus. Das Regieren hört auf. Das Verwalten wird Ehrenpflicht, wie jede andere nutzbringende Arbeit. Minister, Parlamentarier, zünftige Richter, Berufssoldaten usw. usw. werden als Schreckbilder einer überwundenen Zeit höchstens noch als Verpuppte im Panoptikum gezeigt. Der Staate gehört der Geschichte an. –

Kann die Sozialdemokratie, können politische Parteien nicht sozialisieren, wer soll es denn tun? Die Beantwortung dieser Frage ist dem gesunden Menschenverstand außerordentlich leicht! Was soll sozialisiert werden? Die Arbeitsmittel sollen sozialisiert werden. Das ist der Grund und Boden, die Rohstoffe, das sind die Bergwerke, die Fabriken, die Verkehrsmittel. Steht man der Sozialisierung ohne politische Voreingenommenheit gegenüber, so ist es ohne weiteres selbstverständlich, daß sie nicht Politikern oder Verwaltungsorganen anvertraut werden darf, die mit der Gütererzeugung und –verteilung nur mittelbar zu tun haben. Die Sozialisierung muß von den Arbeitern durchgeführt werden. Die Arbeiter erklären die Arbeitsmittel für das Eigentum der Allgemeinheit; sie behalten die Arbeitsmittel in ihrer Verwaltung, sie schaffen nach bestem Können nicht nur für private Interessen, sondern für das allgemeine Wohlergehen. Die Sozialisierung liegt im ureigensten Interesse der Arbeiter, sie ist die Befreiung der Arbeit aus dem Joche der Lohnknechtschaft durch die Arbeiter selbst.

Aber da hören wir die Mießmacher des Sozialismus wieder schreien: „Die Arbeiter sind ja für die Leitung der Produktion gar nicht reif! Merkwürdig: Den Reichspräsidenten in der neugebackenen Republik macht ein früherer Sattler, den Ministerpräsidenten mimt ein ehemaliger Schriftsetzer; jedoch – selbst der unansehnlichste Handwerksbetrieb soll nicht von Arbeitern geleitet werden können?! O, wie wenig Vertrauen haben doch die Herren Politiker zur werktätigen Menschheit! Die Kopfarbeiter werden nicht mittun, sagt man. Die Kopfarbeiter werden mittun, wenn die vom Kapitalismus künstlich errichteten Schranken zwischen geistigen und manuellen Arbeitern gefallen sind. Der Einheitslohn, die Einheitsbehandlung, die Möglichkeit, an den vorhandenen Kulturgütern gleichen Anteil zu haben, die Sicherheit, nicht mehr vor seinem schnodderigen Chef kriechen zu müssen, das Bewußtsein der persönlichen Unabhängigkeit und Freiheit wird den Lohnsklaven im Stehkragen ihre Menschenwürde wiedergeben. Die sozialistischen Organisationen der Arbeit wird im technischen und kaufmännischen „Angestellten“ das sozialistische Bewußtsein begründen. Die Werbekraft des Tatsozialismus wird im Menschengeiste Wunderdinge vollbringen. Und außerdem: man gebe doch den Arbeiterräten das weiteste Betätigungsfeld in den Betrieben. Der praktische Anschauungsunterricht wird sie in kurzer Zeit herranreifen lassen.Eins ist allerdings nicht reif für die „Sozialisierung“. Das sind die von der Partei paralisierten Hirne der Ebert, Scheidemann und Genossen. Sie haben der Revolution seit Jahrzehnten im voraus den genauen Weg vorgeschrieben. Keinen Strich daneben soll das kraftstrotzende Weib im feuerwallenden Lockenhaar wandeln. Tut sie es dennoch …. nun, dann knattern eben die Maschinengewehre des Herrn Noske.

Die Arbeiter bedürfen einer unabweisbaren Voraussetzung für die Reife, selbst sozialisieren zu können. Das ist die proletarische Einigkeit. Das ist die Organisation in revolutionären Gewerkschaften. Der alte Parteihader muß verstummen. Gegensätze der Weltanschauung müssen schweigen. Die Sozialisierung soll den Sozialismus vorbereiten. Den Sozialismus, der es jedem gestatten wird, nach seiner Fasson selig zu werden.

II.

Ist die zusammengebrochene Wirtschaft für die Sozialisierung reif?

Ob der Trümmerhaufen der durch den verlorenen Krieg zusammengebrochenen kapitalistischen Wirtschaft wieder in die Höhe gebracht werden kann, indem man die Arbeitsmittel sozialisiert, das hängt davon ab, wie die Sozialisierung angefaßt wird. Sozialisierung, wie sie von der Sozialdemokratie gedacht ist, müßte den vollendeten Zusammenbruch herbeiführen. Schließlich sind die Ebert-Scheidemann-Wissel keine Dummköpfe. Sie wissen es, daß sie nicht herbeiführen können, was die Sozialdemokratie den Arbeitern ein halbes Jahrhundert hindurch versprochen hat. Darum reden sie von Sozialisierung, hüten sich aber, sie ernsthaft in Angriff zu nehmen.

Wie die Sozialisierung der Arbeitsmittel nur von Arbeitern durchgeführt werden kann, so muß auch bei der Durchführung gänzlich das Interesse der Arbeitenden entscheidend sein. Die Sozialisierung ist doch der einzig mögliche Weg zum Sozialismus. Der Sozialismus ist nur möglich durch und für die Arbeitenden. Also dürfen bei der Sozialisierung nicht die Interessen Nichtarbeitender: Kapitalisten und Kapitalistengruppen oder deren Interessenvertretungen: politische Parteien, berücksichtigt werden. Die Sozialdemokratie aber will sozialisieren, indem sie den Sozialismus auf den Kapitalismus pfropft. Beides soll zusammenwachsen. Die Interessen der nicht produktiv Tätigen und der Arbeitenden sollen gleichermaßen berücksichgt werden. Wie sollte das wohl enden? Die Sozialisierung wird vorgenommen zum Zwecke des Allgemeinnutzens. Die Nichtarbeitenden: Kapitalisten, Rentennießer belasten den Allgemeinnutzen. Nicht nur das. Ihre Interessen laufen den Allgeneininteressen entgegen. Sie werden einfach Sabot und passive Resistenz üben, um ihren Drohnenanteil zu erhöhen. Weil sie im Besitze von Kapital bleiben, werden sie leicht Erfolg haben. Ein solcher Sozialismus ist aber nicht möglich; er ist ein Phantasiegebilde sozialdemokratischer Halbheit.

Der Sozialisierung muß die Beschlagnahme der Banken durch das diktatorische Proletariat voraufgehen. Sonst bleibt jede Sozialisierung in der Luft hängen. Der Kreisumlauf des Geldes und der Tauschwerte muß unter die Aufsicht der revolutionsexekutive gestellt werden. Dann ist die Sozialisierung im Prinzip und materiell vollzogen.

Andererseits müssen bei der „Sozialisierung“im sozialdemokratischen Sinne die Arbeiter ebenso mit der passiven Resistenz antworten, gegen welche selbst Ludendorffsche Militärstrategie ohnmächtig ist. Mit welchem Rechte sollen denn die bisherigen Ausbeuter und Unterdrücker entschädigt werden? Sonst werden doch die kleinen Diebe, die aus Armut und Hunger stahlen, ins Gefängnis gesteckt. Und die großen sollen Prämien dafür erhalten? Welche Regierung will es wagen, bei der Sozialisierung das alte unmoralische Gesellschaftsprinzip der Bereicherung auf Kosten der Arbeit anderer anzuwenden! Eine Arbeiterschaft, die sich das gefallen ließe, gibt es nun nicht mehr in Deutschland.

Bleibt das Lohnsystem bestehen, so wird die Folge das ständige Anschwellen „unerfüllbarer“ Lohnforderungen und Arbeitsbedingungen sein. Dazu wird möglichst wenig geleistet werden. Die geborstenen Fundamente des Kapitalismus werden nach und nach verkrümeln, zerfressen von dem Gift syndikalistischer Klassenkampfwaffen. Zum Schluß wird man dann dem Proletariate die Diktatur überlassen müssen. Dann ist der „reine“ Sozialismus die einzige Rettung.

Die Arbeiter haben nicht nur das sittliche Recht des mit Gewaltmitteln brutal Unterdrückten, sondern auch die revolutionäre Klassenpflicht, durch passive Resistenz die „Sozialisierung“ der Scheidemänner, die nicht Sozialismus von Kapitalismus unterscheiden können, ihrer öffentlichen Macht zu entkleiden.

In gewohnter, parteipriesterlicher Art wird den Arbeitern die Anwendung der „Vernunft“ heiß empfohlen. Und die Demagogen erhalten zur Antwort: Ueber die Vernunft des Lasttieres ist die deutsche Arbeiterklasse nunmehr hinaus.

Wird die Sozialisierung von den Arbeitenden selbst vorgenommen, dann kann sie nur nach sozialistischen Grundsätzen geschehen. Die Arbeiter werden ein arbeitsloses Einkommen nicht weiterbestehen lassen, sie werden keine neuen Nichtstuer- und Herrscherschichten aufkommen lassen. Die gleiche Arbeitspflicht und das gleiche Recht an Verbrauch und Genuß sind die unabänderlichen Grundprinzipien einer sozialistischen Ordnung. Ist die Diktatur des Proletariats errichtet, hat die Revolutionsexekutive alle wirtschaftliche und politische Gewalt, dann ist damit auch die Sozialisierung der Arbeitsmittel vollzogen. Dann gilt die Sozialisierung nicht mehr den toten Werkzeugen und Stoffen, sondern der lebendigen Arbeit. Und wie das unter den gegenwärtigen erschwerten Umständen zu machen ist, darüber müßte sich eigentlich heute jeder Arbeiter klar werden, denn bei der sozialistischen Arbeit bedarf es des Denkens und überlegten Handelns jedes einzelnen.

Die Sozialstrategen von Weimar träumen immer noch von einer vergangegen Herrlichkeit, die für die Arbeiter die Hölle auf Erden war – sie träumen vom Wiederaufbau einer deutschen Großindustrie. Vier Jahre verlorener Weltkrieg, sechs Monate Bürgerkrieg sind ihnen gar nichts. Daß das Kriegsziel der Entente war, die deutsche Großindustrie zu eleminieren, die deutschen Schiffe von den Meeren verschwinden zu lassen, daß sie dieses Ziel restlos erreichte und durch die Friedensbedingungen voll ausnützen wird, will der „wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie noch immer nicht einleuchten. Die Friedensbedingungen lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Wirtschaftskräfte des Westens für Deutschland verloren sind. Die Entente wird natürlich nicht beide Rheinufer annektieren, aber sie wird sich den wirtschaftlichen Nutzen jener reichen Landstriche sichern. Damit wird Deutschland mindestens zur Hälfte wieder Agrarvolk.

Alle vernünftigen Deutschen sollten die durch den Krieg geschaffenen Tatsachen auf sich wirken lassen und die Romantik „vergangener Zeiten“ endlich ausgeträumt haben. Das zur Macht gekommene Proletariat hat demnach zunächst die Landarbeit sozialistisch zu organisieren, schon aus dem Grunde, weil wir ja vor allem der Lebensmittel bedürfen. Feld, Wald, Wiese dürfen in keines Menschen Eigentum gelassen oder neu verteilt werden. Sie bleiben Eigentum des deutschen Volkes. Landarbeitergenossenschaften vollziehen die Arbeit. Wäre das Proletariat am 9. November wirklich zur Macht gelangt, hätte es sofort begonnen, die Arbeit besonders beim Ackerbau sozialistisch zu organisieren, dann hätten wir innerhalb von drei Monaten eine gute Ernte zu erwarten. Der Acker ist vorhanden, die Arbeiter warten auf nutzbringende Tätigkeit. Es fehlt … woran mangelt es? Es fehlen Sozialisten, welche das Proletariat zur Ergreifung der Macht führen, daß es die Arbeit sozialistisch organisieren könne. Statt dessen ist die Arbeiterklasse gezwungen, durch Entziehung der Arbeitsleistung, durch weitere Verwirrung der kümmerlichen Wirtschaft eine Regierung zu beseitigen, die nicht sozialisieren will und kann, weil sie durch die famose Demokratie mit den Klassen verbunden ist, die vor der Sozialisierung beseitigt werden müssen. Die Revolution muß weitergeführt werden, weiter muß das ächzende Wirtschaftsleben bestreikt werden, weiter muß das Proletariat hungern! Das bringt nun einmal der revolutionäre Kampf mit sich. Die Verantwortung dafür trägt die Sozialdemokratie, die sich fälschlich als sozialistisch anpreist.

Mittlerweile hat das Proletariat alle Kampfmittel anzuwenden, die zum Ziele führen können. Zu ihnen gehört, neben der direkten Aktion der Streiks, die sozialistische Aufklärung. Die arbeitslosen, revolutionären Sozialisten müssen aus den Stadtteilen heraus und inn der Landwirtschaft Arbeit nehmen. Inmitten des landprolatriats haben sie ohne Unterlaß zu wühlen. Die Landarbeiter denken politisch natürlicher als die Masse der Industriearbeiter, denn sie wurden noch nicht in dem erschreckenden Maße wie die Städter durch sozialdemokratische Doktrinen verwirrt. Es gilt, die Landarbeiter gegen die habsüchtigen Großgrundbesitzer wie gegen die antikollektivistischen Bauernschädel mobil zu machen. Großgrundbesitzer und Bauern sind an unserem Ernährungsmittelelend unmittelbar schuld. Durch Sabot, dadurch, daß sie die Nahrungsmittel zurückhalten und lieber verderben lassen, daß sie ihren „Patriotismus“ nur gegen hohe Bezahlung betätigen, daß sie mit den Lebensmittelschiebern den sozialen Wucher in der verbrecherischten Weise organisieren, haben sie sich den schimpflichen Hyänenruhm erworben, die Totengräber der deutschen Volkskraft zu sein! Arbeiter, merkt es euch! So führen die Patentpatrioten ihren Klassenkampf. Darunter leidet das Landproletariat ebenso hart, wie das städtische. Haben die Volkswirtschaftler beim Aufbau des neuen Deutschland zuerst die Landwirtschaft zu sozialisieren, so ist im übrigen die Sozialisierung durch die Kommunalisierung der Arbeitsmittel und des Warenaustausches zu erledigen. Das Wort Kommunismus bedeutet dem verbissenen Sozialdemokraten der leibhaftige; er nimmt es lieber nicht in den Mund. Die Kommune ersetzt ja den Staat. Und welcher Sozialdemokrat wollte auf den Staat, dieser Gottheit aller Arbeiterausbeutung, verzichten! In der Kommune regiert niemand, die bisherigen Regierer müssen sich nutzbar betätigen. Nur Verwaltungsarbeit ist zu leisten. Dafür bedarf es nicht der zukünftigen Politiker. Das machen die Arbeitenden selbst. Die wirtschaftliche Verbindung zwischen den Kommunen und Arbeitsgemeinschaften wird einer – sagen wir Genossenschaft der Genossenschaften übertragen. Das wäre ein Gebilde, wie es heute die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine darstellt. Diese hätte auch die „nationalen“ Aufgaben zu erfüllen, wie den Verkehr, das Geldwesen einheitlich durchzuführen und den Auslandshandel zu leiten.

Die „Sozialisierung“ ist also keine gar so schwere Lösung. Sie wird sogar ganz wesentlich durch das zusammengebrochene Wirtschaftssystem erleichtert, denn eine in der Blüte stehende kapitalistische Wirtschaft hätte bedeutend größere Privatinteressen hinter sich. Aber freilich: nur von Sozialisten ist sie durchführbar.

Bis diese zur Macht gelangen, ist die gewaltsame Revolution notwendig. Nicht die Gewalt der Maschinengewehre und Gasbomben, denn damit unterliegt das Proletariat dem staatlich organisierten Militarismus. Es ist die wirtschaftliche Gewalt der Arbeitsentziehung, welche die Arbeiterklasse vermöge revolutionärer Gewerkschaften anzuwenden hat.

Aber die „sozialistischen“ Angstmeier erzählen den Arbeitern, die Sozialisierung hänge von der Zustimmung der Entente ab. Diese werde nur eine solche Wirtschaftsweise für Deutschland gestatten, die ihr die Einsackung einer sehr hohen Kriegsentschädigung ermöglicht. Die Arbeiter dürfen darauf gelassen antworten: „Die Entente kann uns den Buckel runterrutschen.“ Ganz abgesehen davon, daß es bei der Fortdauer des Lohnsystems den Arbeitern sehr gleichgültig sein muß, ob der ihnen vorenthaltene Teil ihres Arbeitsproduktes in deutschen, französischen oder sonst welchen Banken gespeichert wird – die Entente wird nur soviel Einfluß im neuen Deutschland haben, wird nur soviel Güter herausschlagen, als der revolutionäre Wille des deutschen Proletariats nicht in der Lage ist, es verhindern zu können. Wegen der Schulden, die eine verbrecherische Regierung hinterlassen hat, werden sich die Arbeiter nicht die Köpfe zerbrechen. Je unverschämter die Entente ihre „Friedensbedingungen“ in die Höhe schraubt, desto besser wird ihr Reinfall einmal aussehen. Denn erhalten wird sie bestimmt nicht den zehnten Teil dessen, was sie fordert. Dann wird man „uns“ wieder blockieren, vielleicht auch Truppen sogar bis Berlin und Königsberg werfen! Jawohl, das wird man. Aber schlimmer wie die Garden Noskes werden die „Feinde“ auch nicht gegen den Sozialismus wüten können. Und wenn eine neue Blockade unsere Hungerkur verlängert, dann wird die wirtschaftspolitische Orientierung von selbst kommen, die längst hätte geschehen müssen, nämlich die Verbindung mit Rußland. Was die „wissenschaftliche“ Sozialdemokratie nicht begreifen kann, die Fortdauer der Revolution wird es ihr einpaucken.

Der Einheitslohn und Arbeitersolidarität

Posted in Archiv Karl Roche on Januar 12, 2009 by archivkr

Verlag „Der Syndikalist“, Berlin

Ostern 1919

Die deutsche Arbeiterklasse war für die Novemberrevolution nicht geistig vorbereitet. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hatte die Aufgabe, die Arbeiterklasse für die soziale Revolution reif zu machen. Sowohl die Partei wie auch die zentralen Gewerkschaften haben für diesen Zweck versagt. Sie parlamentierten mit den herrschenden Klassen, sie schufen mit ihnen gemeinsam Gesetze für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ausbeutung. Die Gewerkschaften schlossen Lohnverträge mit dem Unternehmertum ab und erkannten damit die Rechtmäßigkeit der Lohnarbeit an. Damit führten sie die Arbeiter zum bürgerlichen Denken, anstatt sie zum revolutionären, sozialistischen Denken zu erziehen.

Der Kapitalismus entwickelte sich zum Imperialismus. Der Zusammenprall der nationalen kapitalistischen Interessen wurde unvermeidlich. Der Weltkrieg kam. Er fand in allen kriegführenden Länder die Lohnsklaven auf der Seite ihrer wirklichen Feinde: der Ausbeuter. Die Arbeiterführer schlossen „Burgfrieden“ mit den Todfeinden des Sozialismus. Der Ausbruch der größten Unordnung, welche die Welt je gesehen, fand die Arbeiter ordnungsliebend im Sinne des Massenmordes. Sie ließen das furchtbarste Unglück über sich ergehen, mordeten einander, zerstörten die Kulturen.

In diesem furchtbaren kapitalistischen Ringen um die Herrschaft auf der Erde mußte das kapitalistische Wirtschaftssystem ins Wanken geraten. In den unterliegenden Staaten mußte die Wirtschaft zusammenbrechen. Das geschah in Rußland, Deutschland, Österreich-Ungar und den Balkanstaaten. Hier brach als Folge der militärischen Niederlage die festeste Stütze des Kapitalismus: der Militarismus selbst zusammen. Der Kadavergehorsam schlug um in Haß gegen die Peiniger: die Offiziere. Die Soldaten begannen die Revolution.

Der historische Moment zur sozialen Revolution war für die Lohnarbeiter gekommen. Und die Arbeiterklasse versagte: sie mußte versagen, weil ihr Denken nicht dafür vorbereitet war.

Nur in Rußland hatte die Revolution sofortigen sozialen Erfolg. Hier hatte sozialdemokratische Parteidoktrin die Arbeiterhirne nur wenig verwirren können. Dort siegte die Arbeit. Der Rätegedanke wurde zur Tat, die Räterepublik konnte geschaffen werden.

Sie wird sich durchsetzen, denn es ist eine natürliche Notwendigkeit, daß die Arbeit in der Gesellschaft herrscht und nicht die Faulheit.

Auch Deutschland muß eine Räterepublik werden. Solange wird der Bürgerkrieg toben. Die soziale Revolution muß gegen das Bürgertum, gegen die sozialdemokratische Führung und gegen den bürgerlich denkenden Teil der Arbeiter geführt werden. Was die Sozialdemokratie versäumte, was die Arbeiterklasse in der Novemberrevolution mit leichteren Mitteln nicht erreichen konnte, das muß nun mit den Kampfmitteln der direkten Aktion durchgesetzt werden. Daß Arbeiter gegen Arbeiter um den Sozialismus kämpfen müssen, ist fürchterlich. Aber es ist unabänderlich, wenn es nicht gelingt, das Zauberwort Solidarität in die Mehrheit der Arbeiterhirne hineinzuhämmern.

Müssen wir uns noch einmal – noch für eine Übergangszeit – mit der Lohnarbeit abfinden, so haben wir an das Unternehmertum, an den Staat wirtschaftliche Forderungen zu stellen, die auf dem Wege zum Sozialismus liegen. Und eine Forderung von eminent sozialistischer Bedeutung ist der Einheitslohn.

Weiterlesen – das ganze Dokument ► einheitslohn.pdf

Der Einheitslohn ist ein Stück Sozialismus: er ist sowohl geeignet, die Hindernisse, welche der Arbeitersolidarität im Wege stehen, wegzuräumen, wie auch die werktätige Menschheit für die sozialistische Gleichheit vorzubereiten. Der Einheitslohn ist auch zugleich ein Prüfstein des sozialistischen Denkens. Die Propaganda dieses Gedankens ist Erziehungsarbeit für den Sozialismus. Eingewurzelten Kastengeist und Klassendünkel beseitigt diese Propaganda.

Die neuere Wirtschaftsgeschichte kennt keine freie und freiwillige produktive Arbeitsleistung. Im Altertum waren die Arbeitenden persönliches Eigentum der Grundbesitzer oder Pächter. Oft waren auch die Pächter selbst Sklaven. Im Mittelalter waren die Hörigen sachliches Eigentum; sie wechselten ihre Herren mit der Scholle, die sie bebauten. Sklaverei, Leibeigenschaft und Hörigkeit wurden mit dem Naturallohn abgefunden.

Der moderne Kapitalismus muß unbeschränkte Bewegungsfreiheit haben, die Arbeiter abstoßen und heranziehen können, wie gerade das Profitinteresse es erfordert. Darum ist der Proletarier persönlich frei. Auch in dem Sinne frei, daß der Unternehmer gar keine Verpflichtungen mehr gegen ihn hat, wenn er nur den Grundlohn zahlt.

Die Form der Entlohnung hat sich geändert; die Sklaverei ist geblieben. Immer waren die Produktionsmittel (Acker, Fabriken, Maschinen, Rohstoffe, Lebensmittel) das Privateigentum einiger Weniger. Immer waren die Massen bei Strafe des Verhungerns gezwungen, für die Drohnen zu fronden.

Naive Seelen mögen das Wort Lohn von Belohnung ableiten, daraus schließen, daß dem Arbeiter für seine der Gesellschaft geleistete Wohltat Anerkennung und Dankbarkeit gezollt wird. Das wäre ein recht gefährlicher Irrtum. Der Unternehmer zahlt nicht mehr, wie er muß. Er mag persönlich ein ganz vortrefflicher Mensch sein, jedoch sentimentaler Arbeiterfreund darf er nicht sein. Er läßt arbeiten, um neues Kapital anzuhäufen. Und er hält sich für den rechtmäßigen Besitzer des ganzen von „seinen“ Arbeitern erzeugten Gutes. Es ist ein feststehender Rechtsgrundsatz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, daß der Arbeiter für seine Arbeitsleistung nur entschädigt zu werden braucht. Nur der Schaden, den er durch die Anwendung von Hirn- und Knochenmark erleidet, soll ihm ersetzt werden. Der Lohn soll nicht höher sein, als daß er die Ausgaben für den Lebensunterhalt bestreiten kann. Auch die Arbeitskraft ist ja nur Ware. Der Lohn darf nie eine Höhe erreichen, daß die Arbeiterklasse des Zwanges ledig würde, gegen Lohn arbeiten zu müssen.

Der Hunger ist die Peitsche, die das Kapital auf den Arbeiter sausen läßt, damit er bis zum Zusammenbrechen weiterarbeite, die Uneinigkeit der Arbeiterschaft mit sich selbst ist der Skorpion, mit dem sie gepeinigt wird, damit sie sich nicht empöre. Die Geißel Uneinigkeit muß der Unternehmer trachten, möglichst zähe un einschneidend zu erhalten, denn sie ist ihm ein wichtiges wichtiges Mittel, sich vor der Empörung der Arbeiter zu sichern, sein Herrentum über die Arbeiterschaft zu behaupten. Und dazu dient ihm die Abstufung der Löhne. Der Klassenlohn läßt die Solidarität der Arbeiter nicht hochkommen.

Und doch ist die Klassensolidarität das Haupterfordernis für ihren Tageskampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse, wie für die Beseitigung der Lohnsklaverei überhaupt durch Abschaffung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und Errichtung des sozialistischen Kommunismus. Wie der einzelne Unternehmer oder der Betrieb, so ist auch der Arbeiter oder die Arbeiterschaft eines Betriebes an dem kapitalistischem Ganzen gebunden, das im Staat seine Machtmittel über die Arbeiterklasse zusammenfaßt. Die direkt wirkenden Machtmittel des Staates über die Arbeiter sind: Militär, Bürokratie, Gerichte, Polizei, Gefängnisse; die indirekt wirkenden sind: Kirche, Schule, Erziehung.

Der sich seiner Menschenwürde bewußt werdende Arbeiter erkennt im Spiegel der Kultur, die er mit geschaffen, sich als Sklaven und sucht das Joch abzuschütteln. Er will als Arbeiter nicht nur persönlich frei, sondern auch sozial gleich und vollwertig sein. Er kommt zu der weiteren Erkenntnis, daß die Ursachen seiner Unterdrückung und Ausbeutung in der widernatürlichen Bewertung der Arbeit liegen. Er erfährt, daß es die Gesellschaftsordnung ist, die ihn zur Sklaverei verdammt, die eine himmelschreiende Unordnung darstellt dadurch, daß die Faulheit und die nicht Werte schaffende Arbeit über den Fleiß und die Produktivität nicht nur gebieten und herrschen, sondern auch Lebensgenüsse haben, an die der Arbeiter gar nicht denken darf. So wird der Arbeiter Sozialist. Er will einen Gesellschaftszustand der natürlichen Ordnung herbeiführen. Die werteschaffende Arbeit soll der Souverän und der höchste Adel sein. Der Begriff Arbeiter soll verschwinden; es soll jeder dazu Fähige arbeiten und jeder Arbeitende soll gleichwertiger Mensch sein. Es gilt eine ganze Welt von Unrecht und Gewalt zu beseitigen, es gilt, die Mehrheit der Arbeiter zum sozialistischen Denken zu führen, es gilt ein einigendes Band des Wollens und Handelns um die ganze Menschheit zu schlingen. Und dieses Band heißt Solidarität.

Staat und Unternehmertum bieten alle ihre Machtmittel auf, die Arbeitersolidarität zu verhindern. Darum teilen sie die Arbeiter in Klassen, zahlen ihnen unterschiedliche Löhne, behandeln sie nach verschiedenen Grundsätzen. Künstlich teilen sie die Lohnsklaven in Hand- und Kopfarbeiter, in Festbesoldete und Diätare, in Tüchtige und Mindertüchtige, in Gelernte, Angelernte und Ungelernte. In der praktischen Kalkulation der Gesamtarbeitsleistung eines Betriebes aber kommen diese Unterschiede gar nicht in Frage. Die Lohnkosten müssen auf eine Durchschnittslinie gebracht werden, soll die Berechnung den Tatsachen entsprechen. Und die niedrigeren Löhne dienen dazu, diese Durchschnittslinie herunterzudrücken.

Zwischen Kopf- und Handarbeit machen Staat und Unternehmertum eine Trennungslinie. Wenn möglich eine Kluft, welche die Arbeitersolidarität nicht überbrücken kann. Bisher geschah das leider mit gutem Erfolge für die Ausbeuter. Schon die Schule stellt sich in deren Dienst.

Ohnehin entstammen die Kopfarbeiter Volksschichten, die der Arbeiterbewegung feindlich gegenüberstehen. Es sind die halbproletarisierten Mittelschichten, denen der Kapitalismus die wirtschaftliche Selbständigkeit genommen, denen der Glaube an eine Wiedererweckung früherer Zustände immer noch nicht geschwunden ist. Politisch sind sie konservativ und liberal zugleich. Je nach den Versprechungen, die ihnen gemacht werden, kehren sie einmal den Erzreaktionär und ein anderes Mal womöglich den Revolutionär heraus. Mit Reförmchen muß der Staat sie bei der Regierungsstange halten, denn sie sind bei Wahlen seine Prätorianergarde gegen die Arbeiter.

Aus solchem Milieu geht die staatliche Bürokratie, geht die Werkbürokratie (technische und kaufmännische Angestellte) hervor.

Die Schule gibt ihnen den ersten Drill. Unteroffiziersgesinnung, Ueberhebung, Servilität nach oben, Brutalität nach unten, Leutnantallüren bestimmen ihren Charakter. Nur Wenige ringen sich zur inneren Freiheit durch, nur Wenige verstehen es, mit den Arbeitern freimütig zu verkehren, nur Wenige sind dem Solidaritätsgefühl mit den Arbeitern zugänglich. Es sind Halbgebildete, deren Charakterbildung auf Kosten der Berufsbildung vernachlässig wurde. Sie sind für den Ausbeuter, für den Staat wie ein „gefundenes Fressen“. Ihre Gesinnung kaufen, kostet nicht gar so viel.

Der Lohnunterschied mit den Arbeitern ist jetzt vielfach zuungunsten der „Beamten“ ausgeschlagen. Sie werden durch mehr psychologisch wirkende Mittel von den Arbeitern abgesondert. Man räumt ihnen ein nachgemachtes Herrenrecht ein. Das Gesetz zieht eine Scheidelinie. Sie haben ein besonderes Beamten- und Angestelltenrecht. Sie werden als staatliche Bürokraten auf Lebenszeit mit der Aussicht auf gute Pensionen angestellt. Die Werkbürokratie darf erst nach vorhergegangener Kündigung entlassenen werden. Bei Krankheit haben sie nebst Krankengeld während sechs Wochen Gehalt zu beanspruchen. Feiertage erhalten sie bezahlt. Ferien, Weihnachtsgratifikationen sind besondere Vergünstigungen.

Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß das Beamtentum der Gegenwart nicht für Solidarität mit den Arbeitern zu haben ist. Sie wollen auf sich das Wort Arbeiter nur bildlich angewendet wissen. Sie sind im innersten Mark gegenrevolutionär und stellen sich jeder Herrschaftsgewalt über die Arbeiter zur Verfügung.

Damit muß die Arbeiterklasse rechnen. Es ist nicht fortzudisputieren, daß dieser sogenannte neue Mittelstand ein gefährliches gegenrevolutionäres Element ist.

Aber die Arbeiter haben die Macht, die vom Gesetz im Interesse des Kapitals künstlich errichteten Schranken niederzureißen. Sie müssen als Lohnarbeiter dieselben wirtschaftlichen Vergünstigungen fordern und durchführen, die den Angestellten und Beamten gewährt werden. Gleiche Arbeitszeit, gleiche Ferien, gleiche Entlohnung bei Krankheit, gleiches Ruheeinkommen im Alter! Und gleiche Entlohnung mit den vermeintlich Hohen und Höchsten!

Ich sehe manchen Arbeiter beim Lesen der letzten Forderung den Kopf schütteln.

Der Direktor, der Professor, der Minister sollen nicht besser bezahlt werden als der Straßenkehrer! Nein, das sollen sie nicht! Und zumal nicht in der Jetztzeit, wo nur soviel Lebens- und Unterhaltsmittel vorhanden sind, daß jeder auch nicht den notwendigsten Anteil abbekommen kann. Die sozialdemokratischen und bürgerlichen Regierungsstrategen wollen uns doch aufreden, wir sind nun ein Volk, vereint in Not und Tod. Wenn es allen Regierenden ernst wäre mit dem „Durchhalten“, das sie immer noch den Arbeitern vorpredigen, dann müßten sie ehrlicherweise auf jede höhere Entlohnung verzichten. Gerade die gegenwärtige Lebensmittelknappheit, die in Deutschland noch Jahre andauern wird, schreit nach dem Einheitslohn. Das wäre der erste Schritt zu einer wirklich sozialen Gerechtigkeit, einer Sozialisierung, für die das zusammengebrochene Wirtschaftssystem ganz zweifellos reif ist.

Wenn es leider noch Arbeiter gibt, die über solche „vermessene“ Forderung staunen, dann liegt das nicht an der Forderung, sondern an den Arbeitern. Die tausendjährige Sklavenarbeit hat in den Arbeiterhirnen eine Unterwürfigkeit und Selbstentsagung vererbt, mit der die Revolution aufräumen muß. Wir haben uns als gleichberechtigt mit jedermann zu betrachten. Jedem frei in die Augen sehen, niemanden gewolltes Unrecht zufügen, aber auch jedes uns zugefügte Unrecht abwehren, nichts für sich beanspruchen, was die der Gesellschaft geleistete Arbeit nicht hergeben kann, aber auch auf nichts verzichten, was sie geben kann. Das ist das Alfa und Omega aller sozialen Gleichberechtigung. Und für die Herbeiführung dieser Gleichberechtigung ist der „Einheitslohn“ eine unabweisbare Notwendigkeit.

Die Revolution wirft Probleme auf, an die vorher nur Wenige gedacht haben und verlangt gebieterisch deren Lösung. Manchen Arbeitern ist der Einheitslohn noch gar nicht einmal ein angenehmes Problem, denn sie fürchten, dabei könnten sie für sich zu kurz kommen. Vielleicht sind sie „gelernte“ Arbeiter, vielleicht fühlen sie sich fähig, tüchtig, geschickt und stark. Das sind selbstsüchtige Phrasen, mit denen der Kapitalismus die Arbeitersolidarität jahrhundertelang zerrissen hat! Der Unternehmer bezahlt gar nicht den Tüchtigen und Geschickteren besser! Er bezahlt ihm nicht den Wert seiner Mehrleistung! Er gibt ihm nur einige Groschen mehr, um den Neid der anderen scharf zu halten und den Bevorzugten zur Ueberhebung zu verleiten. Welcher Arbeiter sich dadurch ködern läßt, der denkt und handelt unsozialistisch. Sozialismus bedeutet die Arbeitsleistung des einen für alle und die aller für einen. Eine besondere Bevorzugung des einen vor dem anderen schließt der Sozialismus aus. Sozialismus gebietet jedem die Pflicht, nach bestem Können für die Allgemeinheit zu wirken und zu streben und gewährt jedem die gleichen Rechte – auch am Lebensunterhalt, auch an den Kulturgenüssen. Sollte der Geschickte und der Fähigere Sonderrechte erhalten, dann wäre der Sozialismus unmöglich.

Aber noch haben wir den Sozialismus nicht. Wir wollen erst „sozialisieren“. Das heißt: die Produktionsmittel aus dem Privatbesitz in den Besitz der Allgemeinheit überführen und sie den Arbeitern nur zur treuen Verwaltung und Verwertung für die Allgemeinheit übergeben. Wir müssen erst Ausbeutung und Unterdrückung beseitigen, um eine natürliche Weltordnung aufbauen zu können. Und das Wichtigste, um alles dieses Große und Weltbewegende in die Wege leiten zu können, ist, daß wir die antisozialistischen Arbeiterschädel sozialisieren. Welches Mittel wäre dafür handgreiflicher, aufdringlicher, als der Einheitslohn!

Ein Teil der Arbeiterschaft hält die Klassenlöhne für selbstverständlich, für unabänderlich. Vor allem soll der zunftgemäß gelernte Arbeiter einen größeren Anspruch auf Entlohnung haben, als der „Ungelernte“. Solche Unterscheidung ist der Arbeiterschaft von den Kapitalisten und deren Nutznießern und Zuhältern aufsuggeriert worden. Die gelernten Arbeiter sollten hypnotisiert werden mit der fixen Idee, sie seien etwas Besseres, seien vollwertiger und würden dementsprechend auch besser entlohnt. Das ist eine blanke Unwahrheit, denn der Kapitalismus bezahlt die Arbeitskraft immer so billig wie möglich und pfeift auf Zunft und Lehrberuf. Im Gegenteil: Die Lehrzeit ist für den jugendlichen Arbeiter die zeit seiner schlimmsten Sklavenschmach. Wenn die Bürgersöhne noch spielen, tollen und sich austoben, in der zeit vom 14. Bis 18. Lebensjahre, dann ist der jugendliche Arbeiter in die Fesseln des Lehrvertrages gelegt. Schamlos wird seine noch in der Entwicklung befindliche Kraft für Privatzwecke ausgebeutet, und oft muß er dabei hungern und wird geschlagen. Daß er im Berufe ein tüchtiger Mensch wird, darum kümmert sich ja niemand. Dem Unternehmer ist er Ausbeutungsobjekt, dem erwachsenen Mitarbeiter ist er ein heranwachsender Konkurrent. Die eigentliche Lehrzeit beginnt auch für ihn erst dann, wenn er seine Arbeitskraft als Ware auf den Markt bringt und selbständig den Kampf ums Dasein aufnehmen muß. Und in den verhältnismäßig seltenen Fällen, wo der Ausgelernte tüchtig in seinem Berufe wurde, da hat er kein Anrecht auf besondere Bevorzugung. Denn, dass er in die Lehre kam, war nicht sein persönliches Verdienst: er dankt es seinen Eltern oder Erziehern. Da höre ich den tausendfachen Einwurf: „Ja, dann wird niemand mehr seine Kinder lernen lassen, dann bleiben alle Fähigkeiten unentwickelt, dann geht die Ergiebigkeit der Arbeit zurück und damit wäre der Sozialismus abgetan.“ Gemach! Die Ergiebigkeit der kapitalistischen Arbeit ist verhältnismäßig beschränkt, weil nicht der allgemeine Nutzen, sondern das Profitinteresse des Besitzenden entscheidet. Und der Kapitalismus hat auch nur ein beschränktes Interesse an der Entfaltung aller produktiven Fähigkeiten der Jugend. Der Staat hat deren Fortentwicklung mehr gehindert denn gefördert. Was der Sozialismus leisten wird, wenn alle Kräfte des Menschen natürlich entwickelt und alle Menschen produktiv tätig sein werden, davon können wir heute nur erst träumen.

Die Heranbildung der Jugend zum Nutzen der Allgemeinheit ist nicht Sache der Familie, sondern des Gemeinwesens: der Kommune. Das Erziehungsziel der Schule muß sein, die harmonische Entfaltung aller physischen und geistigen Kräfte, denn in der sozialistischen Kommune muß jedermann möglichst Kopf- und Handarbeiter zugleich sein. Fachschulen für besondere Befähigung, Arbeitsschulen für geistig Zurückgebliebene, kommunalisierte Betriebe für Berufsausbildung schließen sich der Einheitsschule an. Wer durch die Mittel der Allgemeinheit befähigt ist, besondere Funktionen ausüben zu können, darf darum keine besondere Entlohnung fordern. Welchen Schritt wir auch in den Sozialismus hineinwagen, der Einheitslohn verläßt uns nicht. Der Einheitslohn ist Sozialisierung und Sozialismus zugleich.

Die Unterscheidung zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern ist auch in der kapitalistischen Produktionsweise eine rein willkürliche. In unserer zeit der Maschine, des mechanischen Werkzeuges gibt es kaum noch ungelernte Arbeiter. Im allgemeinen hat die technische Entwicklung dem „gelernten“ Arbeiter seine Vorrechte genommen und hat den „ungelernten“ auf gleiches Wertmaß gebracht. Der junge Arbeiter, der mit 14 Jahren sich selbst überlassen und auf den Arbeitsmarkt geworfen wird, muß nicht auch er l e r n e n ! Er kommt aus einem beruf in den anderen und lernt sogar mehr wie während einer formellen Lehrzeit. Wir erleben es ja, dass sich die Arbeiter großer Berufe dieser „Eindringlinge“ durch Klassenlöhne zu erwehren suchen. Ein unsolidarisches, unsozialistisches Beginnen!

Betrachten wir die notwendige und natürliche Arbeitsleistung: Die Landarbeit. Der moderne Pflug, die Drillmaschine, die Mähmaschine, die Dreschmaschine machen nicht nur die Arbeitsleistung produktiver, sie heben auch die Fertigkeiten des Landarbeiters zum Teil auf. Heute gibt es auf dem Lande nicht mehr viele Arbeiter, die mit der Hand säen und mit dem Flegel dreschen können. Man kann aber darum noch nicht jeden Unerfahrenen an die landwirtschaftlichen Maschinen zur Arbeit stellen. Die Bedienung jeder Maschine erfordert eine gewisse Verstandesbildung und eine Summe persönlicher Erfahrung. Es will eben a l l e s gelernt sein. Und vollends die Ackerkrume! Sie ist wie ein lebendiger Organismus; sie will gehegt und gewartet werden wie ein heranwachsendes Kind, soll sie gute Früchte tragen. Dasselbe gilt für die Pflege der Haustiere. Sonach hat der gewerbliche und Industriearbeiter keine Bevorrechtigung vor dem Landarbeiter. Der Einheitslohn macht nicht halt vor bunten Wiesen und fruchtbaren Feldern.

In den gewerblichen und Industriebetrieben find die Klassenlöhne vollends widersinnig und den Unternehmern nur ein allerdings wirksames Mittel, den Neid der Arbeiter gegeneinander immer wieder zu beleben, sie gegeneinander zu hetzen. Die Solidarität zu untergraben, die Organisationen zu schädigen. Hier ist jeder Arbeiter „gelernt“, denn Leute ohne Erfahrung und Kenntnisse der betreffenden Branche werden höchst ungern und nur in Zeiten großer Arbeiterknappheit eingestellt. Und diese Knappheit ist fast nie vorhanden. Gerade die in den Industrien angewendete hochentwickelte Technik hat ja Millionen Arbeitern ihre erlernte Handfertigkeit nutzlos gemacht, hat sie für immer der Möglichkeit beraubt, eine selbständige Wirtschaftsexistenz begründen zu können. Die Arbeiter eines Berufs, eines Betriebes haben alle dieselben Lebensgewohnheiten, dieselben Bedürfnisse. Also müssen sie auch den Einheitslohn erhalten. Natürlich einen Einheitslohn, wie ihn sich die Herren Unternehmer und Bürokraten wünschen würden, müßten sie produktive Arbeit verrichten. Der Einheitslohn macht alle gleich „a r m“. Gut, d i e Wirkung soll er auch haben, denn „reich“ und „arm“ sind ja die materiellen Resultate der Ausbeutung und Unterdrückung. Wir Armen haben doch kein Interesse daran, dass die Reichen auf unsere Kosten immer reicher werden. Der Einheitslohn soll so bemessen werden, dass alle nützlich Tätigen, Kranken und Arbeitslosen den gleichen Anteil an den vorhandenen Gebrauchsgütern haben können. Das wird dann wirtschaftliche Gleichheit sein.

Die Gesellschaft begeht ein barbarisches Verbrechen an den erkrankten und unfähig gewordenen Arbeitern, wenn sie ihnen nur einige Mark Krankengeld, Invaliden- oder Altersrente gewährt. Kranke Menschen brauchen doch sogar mehr, denn Gesunde. Alte und Invaliden haben sich für den allgemeinen Wohlstand geopfert – der Staat mit der sozialen Krone zahlt ihnen auch heute noch nicht durchschnittlich eine Mark den Tag!

Arbeitslosigkeit ist immer eine Folgeerscheinung verkehrter sozialer Organisation. Der einzelne ist dafür nicht verantwortlich zu machen. Darum: Den Einheitslohn für alle!

Doch da steigt noch ein sehr wichtig scheinender Einwand gegen den Einheitslohn auf: Man sagt, bei gleichem Lohne werden alle Arbeiter gleich faul sein. Wieder wird das Sinken der Produktivität, die Unmöglichkeit der Sozialisierung als Folge herangeholt.

Wir beobachten dabei, daß die große Mehrheit der Widersacher gegen den Einheitslohn, die mit der drohenden Faulheit anderer heranrücken, aus Leuten besteht, denen es nie in den Sinn gekommen ist, die gesellschaftlichen Funktionen und Nöte des werktätigen Arbeiters zu übernehmen. Es sind die Kapitalisten und Unternehmer selbst, es sind deren Zuhälter: Die Bürokratie, die Politiker, die Presse, die Pfaffen, die Kaufleute und Händler. Kurz: es sind alle diejenigen, die an der Arbeitsleistung des Proleten herumschmarotzen. Ihnen wird allerdings die Faulheit der Arbeiterschaft zum Verhängnis werden. Der Einheitslohn ist ja eine sozialistische Maßregel, die sozialisierend wirkt. Und darum das Geschrei der gegenrevolutionären Unken. Faulheit! Was ist denn Faulheit? Faulheit ist eine Krankheit. Der an Leib und Seele Gesunde, der richtig Ernährte ist nicht faul. Arbeit ist ja nicht nur eine natürliche Notwendigkeit, sondern als solche auch ein inneres Bedürfnis beim Menschen. Aber was ist das für eine Arbeit, die vorwärtsgepeitscht werden muß durch Klassenlöhne, durch Akkordtreiberei, durch Taylorquälerei, durch Meister und Werkführer als Antreiber? Nun, das ist Sklavenarbeit. Und dazu soll die Arbeiterschaft nun endlich einmal und für immer faul sein.

Im gegenwärtigen Stadium der Revolution (Ostern 1919) ist die Faulheit der Arbeiterschaft passive Resistenz, direkte Aktion, unmittelbare Klassenkampfhandlung. Sie wird die Söldnertruppen Noskes überwinden, sie wird die Phrasenmühle in Weimar zum Stillstehen bringen, sie wird die widerstrebenden Arbeiterführer „reif“ machen, daß sie mit der Sozialisierung beginnen. Ich sage den Drückebergern des Sozialismus: schafft freie Arbeit und menschenwürdige Arbeitsmethoden und niemand wird mehr faul zur Arbeit sein!

Und nun zum Schluß: Die Arbeiter hatten und haben Klassenorganisationen, die ihnen nichts nützen und die der sozialen Revolution zum stärksten Hindernis geworden sind. Das ist die Sozialdemokratie, das sind die zentralen Gewerkschaften. Die Arbeiter dürfen nur eine Organisation haben. Das muß die Gewerkschaft sein. Und die Gewerkschaft muß revolutionär sein. Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, deren internationale Bezeichnung Syndikalismus lautet, ist die natürliche Klassenorganisation der Lohnarbeiterschaft. Diese Organisationen dürfen nicht von zentralen Gewalthabern geleitet werden, sondern müssen lose, nur für den Zweck der Solidaritätsbezeugung föderiert sein. Der Wille der Arbeitermassen muß in ihnen herrschen. Diese Organisationen werden die Reste des Kapitalismus und seinen Staat wegfegen. Nur sie können den Einheitslohn und den Sozialismus erkämpfen. •

Archiv Karl Roche – Dokument # 2

Die Verschandelung der Revolution

Posted in Barrikade #1 with tags on Januar 12, 2009 by archivkr

Vier Jahre und mehr hat das deutsche Proletariat nötig gehabt, um zur Besinnung auf sich und seine Kraft zu gelangen, das, was notwendigerweise am 31 Juli 1914 bereits versäumt wurde, nachzuholen, nämlich die revolutionäre Erhebung gegen das verbrecherische System der junkerlich-kapitalistischen Gewaltpolitiker und Länderräuber! Die Marine, die sich gegen das vom Zäsarentum zugedachte grauenhafte Massengrab zur Wehr setzte, gab das Signal, und nun verflüchtigte sich der menschenhungrige imperialistische Spuk in alle Winde. Im kühnen Anlauf krachten die Welten der Mordpatrioten und Kriegsgewinnler wie ein elendes Kartenhaus zusammen. Entsetzen packte die schuldbewußten Kaligulas, in der Flucht vor dem herannahenden Strafgericht suchten die einen ihr Heil, die anderen aber – und zwar die große Mehrzahl der Hauptschuldigen – verfielen prompt wieder auf die alte List, mit der sie das unterjochte, mit satanischer Bosheit hingeopferte Volk bisher im Zaum zu halten verstanden; sie kleideten sich in das Schafskleid der Friedfertigkeit, gaben vor, sich mit den neuen Verhältnissen, d.h. mit der Regierung Ebert-Haase, abgefunden zu haben und suchten – mit bestem Erfolg – das durch Lug und Trug in Unkenntnis über seine Lage erhaltene Volk durch neue, größere, gemeinere Lügen und Verdrehungen zu verwirren, seine revolutionäre Tatkraft zu lähmen.

Bei letztem Geschäft fanden sie in den Scheidemännern und Haaseleuten, ihren Mitschuldigen am Kriegsausbruch und besonders an der Kriegsverlängerung, nur zu bereite Helfershelfer.

Die Spekulation auf den Sklavensinn weiter Volksschichten, der sich nie zu entschlossenem Handeln aufzuraffen vermochte, auf die durch Jahre und Jahrzehnte mit den brutalsten aber auch raffiniertesten Mitteln betriebene Verdummung der Massen erwies sich leider wiederum als richtig. Allzu lange hat sich das deutsche Volk dazu missbrauchen lassen, seinen Blutsaugern ein billiges und williges Objekt für die perverse Lust der Militaristen und Polizistenseelen abzugeben.

Die Volksschule, die Kirche, die Kasernen und Zuchthäuser, – sie alle waren bisher die „anerkanntesten“ Mittel bei jedem Verdummungswerk. Ihnen hatte es auch die kapitalistische machtlüsterne Presse zu danken, dass sie ihr unheilvolles Gift bis auf den heutigen Tag unter die Volksgenossen verspritzen konnte, dass die Schlachtopfer des Obrigkeitsstaates willige und kritiklose Leser jener Hurenpresse waren und zum großen Teil noch jetzt sind.

Und nun erst gar der Anteil, den die Scheidemänner-Ebert-Legien-Bauer-Umbreit und Konsorten an der Entmannung der Arbeiter haben!

Statt die Arbeiter zum Klassenkampf zu erziehen, in ihnen die Gedankenwelt des unverfälschten Sozialismus zu befestigen und zu vertiefen, speiste man sie mit resolutionären Phrasen, drillte man sie zur willenlosen Unterordnung unter die Herrschaft des Obrigkeitsstaates und der staatlichen, parteiamtlichen und zentralverbändlerischen Bürokratie. Jeden Sinn für entschlossenes Handeln, das auf Beseitigung der Kapitalistenherrschaft und auf Verwirklichung der sozialistischen Ziele gerichtet sein musste, suchte man in dem Arbeitsvolk zu ersticken. Der Sozialismus wurde dieser Sozialdemokratie immer mehr zum täuschenden Aushängeschild, mit dem man die instinktiv sozialistisch empfindenden Arbeiter zu ködern verstand. Durch das Pochen auf große Zahlen an Mitgliedern und Kassenvermögen täuschten die Scheidemänner wie die Legien, Umbreit und Konsorten ihre Partei- und Verbandsmitglieder gleichermaßen über die erbarmungslose Wirklichkeit hinweg. Durch ein demagogisches Spiel mit den Worten Vaterlandsliebe, Gesetzmäßigkeit, Verteidigungskrieg usw. verwirrten sie ihnen vollends die Köpfe derart, dass sich das arbeitende Volk am 1. August 1914 so willig in Tod und Verderben treiben ließ, als ob es aus der Entstehungsgeschichte der Kriege 1864, 1866 und 1870/71 nichts gelernt und als ob es nie eine von Bismarck gefälschte Emser Depesche gegeben hätte! Wessen Geschäfte die sozialdemokratischen und zentralverbändlerischen Volksbetrüger in Wahrheit besorgten, das verriet einmal der Sozialdemokrat Südekum mit den im Reichstag schamlos gesprochenen Worten: „Wenn wir keine Gewerkschaften mit ihren Unterstützungseinrichtungen hätten, dann wäre die bürgerliche Gesellschaft schon längst zusammengebrochen.“

Alles in allem also, das deutsche Volk war bis zum Ausbruch des Weltkrieges, ja bis zu der Novemberrevolution, dank seinem verräterischen „Führertum“ nicht nur nicht im revolutionärem Sinne erzogen, nein, geflissentlich haben die Mehrheitssozialisten und Zentralverbändler in ihm Abscheu- und Feindschaft gegen eine deutsche Revolution zu erwecken versucht, wie ihnen ja kein Mittel zu schmutzig, keine Waffe zu gemein gewesen ist, um die russische Revolution zu verleumden, das Sowjetrussland mit seinen Arbeiter- und Soldartenräten zu verunglimpfen. Ja selbst der Niedermetzelung der finnischen und ukrainischen Revolutionäre setzten die mehrheitssozialistischen Banditen keinen ernsthaften Widerstand entgegen.

Und nun, da das deutsche Volk, mitgerissen von der Energie einiger Wenigen, allen Verfolgungen und Schreckensurteilen zum Trotz, den Augenblick nutzt, wo die Schreckensherrschaft der schwarzen und rosafarbenen Imperialisten und der Gewaltmenschen vom Schlage des Ludendorff unter den furchtbaren Schlägen der Entente unrettbar zusammenstürzte, diesen Zusammenbruch vervollständigend, spontan überall – Arbeiter- und Soldatenräte einsetzte, da bemächtigten sich die mehrheitssozialistischen Demagogen sofort der leer gewordenen Regierungssessel, um von hier aus ihr altes Gewerbe des Volksbetrugs mit den alten Rezepten fortzusetzen. Er wird ewig eine Schmach und eine Dummheit, überdies bleiben, dass die Haase-Dittmann-Barth (USPD, Anm. d. Red.) es in jenem welthistorischen Augenblick nicht ablehnten – mit den blutbedeckten Scheidemann-Ebert und Gen. die Regierung zu bilden, und dass sie nicht stattdessen in die Forderung der Unschädlichmachung aller Komplizen der Wilhelm, Ludendorff, Reventlow, also auch der Scheidemänner mit uns einstimmten, ja dass sie diese blamable Gemeinschaft mit diesen selbst nach dem gegen friedliche Demonstranten in Berlin am 6. Dezember verübten Meuchelmord nicht aufgaben.

So nimmt aber das Verhängnis seinen unerbittlichen Fortgang – die Schuldigen des 4. August 1914 entgehen der Vernichtung nicht – sie reißen nun aber auch die Haase-Leute mit sich in den Abgrund! Indessen aber gilt es, die deutsche Revolution vor dem gleichen elenden Schicksal und vor weiterer Verschandelung zu bewahren.

Den Arbeiter- und Soldatenräten, die in den stürmischen Novembertagen in revolutionärer Entschlossenheit die Macht an sich gerissen hatten, und die rüstig ans Werk gingen, die Revolution nicht zu einer tauben Nuss für das Proletariat werden zu lassen, hat die „sozialistische“ Regierung Fesseln aller Art angelegt. Nicht exekutive Gewalt, sondern nur ein Kontrollrecht soll ihnen zustehen! Dem Vollzugsrat macht man aber sogar die Kontrolle der Reichsämter streitig. Den Arbeiterräten in den Gemeinden, die es ernst nehmen mit ihrer revolutionären Aufgabe (Neukölln, Mariendorf usw.) fährt man in die Parade, zum Gaudium der kapitalistischen Schnapphähne! Statt dessen werden freche Auflehnungen gegen die Revolution nicht nur geduldet, sondern insgeheim begünstigt (Offiziere, Bewaffnung der Berliner Studentenwehr, der saubere Kommandant Wels und seine Spießgesellen Marten, Hauptmann, Lorenz und Dr. Sack), eine ebenso wüste wie verlogene Kampagne gegen Liebknecht und seine Anhänger, die kommunistischen Sozialisten, von den Scheidemann-Ebert und Wels unterhalten, die schließlich am 6. Dezember 1918 bis zu dem Massaker gegen demonstrierende unbewaffnete Spartakusleute in der Chausseestrasse zu Berlin führen. Den vom Blut zahlloser Brüder triefenden Scheidemännern fällt auch die Schuld an diesen Opfern zu; alle ihre Verlegenheitsausreden waschen das neu vergossene Bruderblut von jenen nicht ab! 15 Tote und 35 Schwerverwundete brachte Wels am 6. Dezember zur Strecke.

Wels und Konsorten bilden eine weiße Garde gegen das revolutionäre Proletariat, sie verhindern die Bildung einer roten Garde für die Verteidigung der Revolution!

Heimkehrendes Militär, das noch vollständig unaufgeklärt ein williges Instrument in den Händen gegenrevolutionärer Offiziere ist, darf schwer bewaffnet die Bevölkerung Berlins bedrohen, der Treueid wird ihm auf die Minister statt auf den Vollzugsrat als Träger der revolutionären Macht abgefordert. Bei einem verpufften Spektakel wird Ebert zum Präsidenten ausgerufen, dieser stellt sich erstaunt, stottert einen halben Dank und eine halbe Verlegenheitsausrede! Die unverschämtesten Lügen der revolutionsfeindlichen Ausbeuterpresse zum Zwecke der Verwirrung und Einschüchterung des Proletariats und zur Verdächtigung der Arbeiterräte werden geduldet und dürfen passieren, um die „Pressefreiheit“ nicht zu schmälern. Den offenen und geheimen Revolutionsfeinden tritt man mit einer anscheinend kretinhaften (in Wahrheit aber von Seelenverwandtschaft diktierten) Gemütlichkeit entgegen, während man wirkliche Revolutionäre mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Flammenwerfern bedroht!

Darf man sich da wundern, dass die Ebert-Haase konsequent, wie sie nun einmal in der Sabotierung der revolutionären Eroberungen sind, sich mit zäher Ausdauer für die Nationalversammlung einsetzen, auf die die Reaktionäre nicht mit Unrecht ihre ganze Hoffnung setzen? Statt die Macht des revolutionären Proletariats zu stärken, soll das kapitalistisch interessierte Bürgertum im Nationalparlament Marschziel und Tempo der Revolution mitbestimmen! Von der Aburteilung der Schwerverbrecher vom Schlage der Ludendorff, Bethmann, Reventlow, Tirpitz, Ebert-Scheidemann usw. durch ein Revolutionsgericht schweigt man ganz; ebenso von der Streichung der Kriegsanleihen, um dem Volk die größte Bürde abzunehmen! Die „Sozialisierung“ der Produktionsmittel wird durch eine sehr „gemischte“ Kommission verschleppt, die Beseitigung der Dreiklassenparlamente in den Gemeinden, die Ausmerzung des Religionsunterrichts aus den Schulen, die Trennung von Kirche und Staat, die Revolutionierung der Rechtssprechung und unendlich viel mehr scheint auf den St. Nimmerleinstag vertagt zu sein. Der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte, der am 16. Dezember in Berlin zusammentritt, soll die revolutions-verräterische Politik der Ebert-Haase sanktionieren, da bleibt dem revolutionären Proletariat, das völlig auf die eigene Tatkraft angewiesen ist, eben nichts anderes übrig, als die schlauen Berechnungen der offenen und verkappten Reaktionäre in nicht mißzuverstehender Weise zu durchkreuzen.

Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!

Alle Macht den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten!

• aus Der Syndikalist Nr. 2 (21. Dezember 1918)

Editorial #1

Posted in Barrikade #1 on Januar 12, 2009 by archivkr

Editorial
Dies ist die Nullnummer einer anarchosyndikalistischen Streitschrift – vielleicht kann sie so etwas wie eine Theoriezeitschrift werden. Im Vordergrund soll hier aber die Auseinandersetzung mit dem revolutionären Unionismus und Syndikalismus stehen, um die Unterschiede dieser drei sozialrevolutionären Ansätz in der Arbeiterbewegung aufzuzeigen und deutlich zu machen.
Angriffspunkt unserer Kritik wird die gesamte gewerkschaftliche Linke sein, eingeschlossen die eigene anarchosyndikalistische Theorie & Praxis, soweit diese überhaupt vorhanden ist. Da wir eben dies bemängeln, legen wir auch größten Wert auf die vier sozialrevolutionären Essentials, als da sind:
Agitation – Organisierung – Bildung/Schulung – Emanzipation.
Wir schreiben ohne Scheuklappen – wir versuchen dabei, nicht unbedingt in Fettnäpfchen zu treten, aber es gibt keinen vorauseilenden Gehorsam gegenüber Organisationen oder Genoss/innen – uns eingeschlossen. Es gibt keine »Heiligen Kühe«, die wir nicht schlachten würden und diese Streitschrift ist pluralistisch im Sinne der Veröffentlichung auch gegensätzlicher Meinungen (untereinander oder gegenüber anderen Gruppierungen). Unstrittig ist dabei jedoch die kritisch-solidarische Nähe zur FAU-IAA, deren Entwicklung zu einer wahrhaft anarchosyndikalistischen Gewerkschaft wir mit allen Mitteln fördern wollen, auch wenn einige von uns -nicht mehr oder noch nie- Mitglied dieser Organisation sind oder waren. Das kann und wird sich auch wieder ändern.

Zum Inhalt dieser barrikade-Nullnummer
Themen dieser Probeausgabe sind die • Novemberrevolution 1918 (diese Erinnerung soll als kleine Reihe bis Ende 1919/2009 verfolgt werden), eine erste Auseinandersetzung um d#C0C0C0ie neu auftretenden • deutschen Wobblies (diese Polemik werden wir mit tCOCheoretischen Beiträgen über den Einfluß der IWW auf die deutsche Organisationsgeschichte der AAU – bzw. den Einfluß des deutschen Rätekommunisten Paul Mattick auf die Anfang der 30er Jahre in den USA darniederliegende IWW reflektieren). Hinzu kommen • längere Rezensionen aktueller Bücher zum Themenkomplex, das Streitthema • Einheitsorganisation und eine notwendige öffentliche Kritik an einem direkte aktion-Artikel über vermeintlichen • »Arbeiter-Zapatismus« in Mexiko und die angebliche • »Arbeiter-Kontrolle« und sozialistischen Kooperativen in Venezuela aus der dortigen anarchistischen Zeitung El Libertario. Das sollte dann als erstes Futter für die hoffentlich spannenden Diskussionen ausreichen. Als Herausgeber habe ich gewagt, von einem barrikade-»wir« zu schreiben. Das deshalb, weil bereits einige Genossen ihre Mitarbeit angeboten haben und bereits mitarbeiten – das soll ausgebaut werden zu einem virtuellen Redaktions-Kollektiv mit einem jährlichen Treffen mitten in der Republik.

Gesucht werden …
… Mitstreiter/innen und Übersetzer/innen – ob deutsch- oder fremdsprachig –
die auf interessante theoretische Arbeiten ebenso wie auf praktische Aktivitäten aus der sozial-revolutionären Gewerkschaftsbewegung aufmerksam machen. Wir bitten jedoch davon abzusehen, ohne Rücksprache Übersetzungen oder fertige Beiträge abzuliefern. Wir bitten zuerst um eine kurze Zusammenfassung und den Originaltext (pdf- oder rtf-Datei) resp. Internet-Hinweise (webpage). Umgekehrt würden wir uns freuen, wenn Genoss/innen einige unserer barrikade– Beiträge in Kurzform auf Englisch und/oder spanisch zusammenfassen könnten. Um doppelte Arbeit zu vermeiden, sollten sich die Helfer und Mitarvbeiterinnen mit ihrem Sprachschatz bei uns melden. Eine feste Mitarbeit soll mit 5 Exemplaren einer jeden barrikade-Ausgabe »honoriert«, werden; mehr lehnen wir ab, da wir kein kommerzielles Unterfangen sind.

Wir erwähnen und zitieren reale Namen nur dann,wenn sich die Autor/innen durch öffentliches Auftreten oder Presse-Interviews als Urheber zuordnen lassen.Ansonsten wahren wir natürlich die gewollte Anonymität und respektieren die gewünschten Pseudonyme.
Hamburg, Anfang November 2008 – neunzig Jahre später.
Isegrim Z.

Streiken gegen den Krieg

Posted in Rezensionen on Januar 12, 2009 by archivkr

Streiken gegen den Krieg

Die Bedeutung der Massenstreiks in der Metallindustrie vom Januar 1918

• VSA-Verlag Hamburg, August 2008, ISBN 978-3-89965-320-5 – 10,80 €

Das Buch dokumentiert überarbeitete Referate aus der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit der IGM. Herausgeber sind Chaja Boebel und Lothar Wentzel, die mit dem Erinnern an den großen Metallerstreik im Januar 1918 auch die Bedeutung der Arbeiterbewegung an der Entstehung der Weimarer Republik entreißen wollen.

Sehr aufschlußreich – wohl mehr für die Autoren als für unsereinen – ist die Tatsache, daß z.B. in Geschichtsseminaren dieser Historiker das Thema von Streiks in der Rüstungsindustrie während des I. Weltkrieges mit völligem Unverständnis aufgenommen wird, denn Streiks „mit Hunderttausenden von Beteiligten, darunter viele Frauen, trotz Polizeiwillkür, Belagerungszustand und der Gefahr, an die Front geschickt zu werden – das soll möglich gewesen sein?“

Als erstes erinnert das Buch an die Opposition im Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV, Vorläufer der IG Metall). Auf deren Gewerkschaftstag im Oktober 1919 wurde der Burgfriedenpolitik treibende Vorstand mit Zweidrittelmehrheit abgewählt und der Revolutionäre Obmann Richard Müller in den Vorstand gewählt; Vorsitzender wurde der Sprecher der Opposition, Robert Dißmann. Revolutionäre Obleute waren die gewählten gewerkschaftlichen Vertrauensleute des DMV in den Betrieben, die in Opposition zur offiziellen Verbandspolitik der Kriegsunterstützung standen.

Die Stimmung in der sozialdemokartischen Partei verdeutlicht ein Zwischenrufer auf einer Parteiversammlung im Frühjahr 1915 des rechten Reichtstagsabgeordneten Wolfgang Heine: „Wir sind vaterlandslose Gesellen und wir wollen es bleiben! – Unser Vaterland ist die ganze Menschheit! – Wer sagt Ihnen denn, das wir siegen wollen?“ Auf den Einwand Heines, daß eine deutsche Niederlage auch eine Niederlage für die deutschen Arbeiter sei und nur ein deutscher Sieg werde zur Beendigung des Krieges führen, antwortete der unbekannte Arbeiter: „Unsere Soldaten sollen die Waffen gegen die Tyrannen kehren.“

Der vergessene Aufstand

„Spontaner Wutausbruch oder geplante Aktion“? Diese Frage stellen sich immer wieder die Intellektuellen und Arbeiterführer, wenn sie die Geschichte der Klassenkämpfe zu analysieren versuchen. Allein aus der Formulierung „spontaner Wutausbruch“ spricht die Verachtung der Gewerkschafts- und Parteibürokraten für „die Kanallie“, die Proleten. Sie traut der Arbeiterklasse keine eigenständigen Handlungen zu. Als wenn der Arbeiter nicht selbst denken kann und allein von den Führern und Verbandsbeamten abhängig ist. Dies aber hat die Partei der Basis seit fünfzig Jahren eingehämmert und umso verdrießlicher reagierten die Bonzen auf Opposition, Spaltung und Kontrolle der Führung. Das Dogma der heiligen Einheit der Arbeiterklasse, die nur bei hundertprozentiger Organisierung unter der Führung der Partei den Sozialismus durchsetzen kann, wird mit Beginn des Krieges und der Burgfriedenpolitik der Generalkommission der Gewerkschaften (später: ADGB) in Frage gestellt.

Die politischen Massenstreiks wurden einzig und allein (mehr wissen wir bisher jedenfalls noch nicht?) von den oppositionellen betrieblichen Funktionären organisiert, die politisch in der USPD beheimatet waren, sich über diese Parteiversammlungen kennengelernt und ihr unabhängiges Netzwerk an Obleuten aufbauten. Ab November 1918 traten die radikalen Betriebsdelegierten dann als Revolutionäre Obleute auf, die vom Matrosensturm aus Kiel überrascht wurden. Seit dem Januarstreik hatten sie vollkommen klar erkannt, daß nur ein bewaffneter Aufstand den Frieden bringen würde; Waffen wurden besorgt und man rüstete sich für die nächste Schlacht. Aber die Kieler Arbeitermatrosen und Werftarbeiter waren schneller wie auch die Hamburger und Bremer Werft- und Metallarbeiter. Die Revolution erreichte Berlin als letzte, aber wohl wichtigste Bastion.

Erste Anzeichen bereits frühzeitg aus Kiel

In einer außerordentlichen Konferenz von Vertretern der Zentralbandsvorstände kamen fünf Tage nach dem Massenstreik in der Metallindustrie – der ja eigentlich mehr ein Munitionsarbeiterinnenstreik war – am 1. Februar 48 Zentralverbandsvorstände und die 13-köpfige Genrealkommission der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung zusammen. Hier sind zwei Dinge festzuhalten, die bemerkenswert sind: 1. informiert der Gewerkschaftführer Karl Legien über die „rein lokalen Vorgänge aus Kiel“, nämlich daß dort die Arbeiterschaft vorhabe „eine zentrale Körperschaft (einen Arbeiterrat für Deutschland) zu schaffen“. Mehr sei erstmal nicht zu berichten, da es „sich nur um eine lokale Bewegung handelt“ – wie wundersam, daß dann ausgerechnet die Matrosenrevolte aus Kiel den Umsturz einleitete, bevor in Berlin auch nur der erste Schuß fiel … und 2. waren sich die Herrschaften ganz bewußt: „[D]ie jetzigen Streiks haben dieselbe Tendenz, dieselben Urheber, wie die früheren. Es handelt sich hier um eine durchaus syndikalistische Tendenz.“ (DMV-Vorsitzender Schlicke) Und der Bauarbeitervorsitzende Paeplow erklärte: „Mit einer Zunahme der syndikalistischen Bewegung haben wir auf alle Fälle zu rechnen.“

Und die Syndikalisten?

Es ist nichts Neues, das historische Untersuchungen – und schon noch weniger verwunderlich, wenn sie von der IG Metall bezahlt werden – die syndikalistische Beteiligung an der Novemberrevolution 1918 verschweigen will. Einer der Mitautoren des Buches, Dirk H. Müller, müßte es besser wissen, hat er doch in seiner Arbeit Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte in der deutschen Gewerkschaftsbewegung vor 1918 (1987) ausführlich über die Freie Vereinigung der deutschen Gewerkschaften (FVdG) berichtet. Vergessen zu erwähnen hat er allerdings, daß die FVdG kurz nach Kriegsbeginn wegen ihrer antimilitaristischen Agitation verboten wurde (im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften!) und daß diese Bewegung sich nicht erst Ende 1918 nach der Revolution reorganisiert hat. Allgemein bekannt sollte auch bei offiziellen wie halboffiziellen Historikern des DGB sein, daß die syndikalistische Bewegung während des ganzen Krieges vielleicht nicht sonderlich aktiv war (wie auch unter diesen Bedingungen?), aber ihre Organisation zusammenhielt. Sie organisierte in Berlin nicht nur eine Antikriegsdemonstration im Augsut 1914 und rief zu Fahnenflucht und Desertion auf, nein, sie waren auch in den Betrieben präsent und agitierten in den sich bildenden linksstehenden Parteien (USP und Linksradikale).

Das ‚handelnde Subjekt’

Spaßig auch noch folgende Erkenntnis von Frank Heidenreich, pädagogischer Mitarbeiter an der Bildungsstätte Berlin der IG Metall, daß bereits Wolfgang Abendroth 1997 das „handelnde Subjekt“ in den Berliner Metallarbeitern und ihre Obleute als treibende Kraft erkannt hatte; weder der Spartakusbund noch die USPD waren handelnde Subjekte, welch‘ eine Erkenntnis! Auch zitiert er Abendroth, der in der „Niederlage“ vorhersah, daß dadurch „antigewerkschaftliche, linksradikale Haltungen“ verstärkt wurden, die sich in „zum Teil irrationalster Art auch unter diesen revolutionären Kadern aus[breitete], die nur noch auf das Prinzip der Räte setzen.“ Und warum war das so? Peter von Oertzen erklärte bereits 1976: „Die sozialdemokratischen Parteivertreter betrachteten den Streik nicht als eine Aktion der Arbeiterschaft als solcher. Die Arbeiter ‚als solche‘ waren für sie keine handlungsfähigen Subjekte. Handlungsfähigkeit, und das heißt damit auch handlungsberechtigt, waren in ihren Augen einzig und allein Partei- und Gewerkschaftsorganisationen; ihnen oblag auch die Führung der unorganisierten Massen.“

Und so lief das dann auch während der Weimarer Republik ab: jede der drei sozialdemokratischen Parteien wollte die Arbeiterklasse herumkommandieren. Das hat aber mit proletarischer Emanzipation rein gar nichts zu tun, es ist eine Arbeiterzüchtigungsbewegung, die am Gängelband der Partei hängt (Transmissionsriemen). Und ein eklatanter Widerspruch zur Parole der I. Internationale: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein!

Fazit

Es ist feige, wie diese Historiker, die aus dem Futtertrog der IGM Berlin fressen dürfen, jetzt alles so hindrehen, als wenn es damals nicht anders gegangen wäre – und diese Mißgeburt Weimarer Republik das Beste war, was wir bekommen konnten. Dieses Märchen wollen uns im übrigen alle Sozialdemokraten erzählen, linke wie rechte, ihre Verantwortung für den Faschismus, den ihre Führer Ebert, Noske, Scheidemann, ebenso auf sich geladen haben wie die späteren Stalinisten der Vereinigten VKPD aus USPD und KPD(S) um Dittmann, Haase, Ledebour, gilt es eben wortgewaltig zu vertuschen. Wie widerlich!

Was hat übrigens die metall – die Mitgliederzeitung der IGM – über den Massenaufstand gegen den Krieg 1918 geschrieben? Nichts!!! Da wundert es dann überhaupt nicht, daß die Arbeiterklasse kein Bewußtsein mehr hat. Aber daran haben die Gewerkschaftsbonzen der sozialdemokratischen „Einheits“gewerkschaften ja auch gar kein Interesse, also verschweigen und unterdrücken sie die historische Rolle der Arbeiterklasse, die damals noch für den Sozialismus kämpfte. Sie verteidigen weiterhin ihre bürgerliche Version von „Demokratie“.

Achso, spontan war die Januarstreik 1918 natürlich nicht, die Matrosenrevolte vom November 1918 allerdings auch nicht, denn seit 1917 gab es auf den Kriegsschiffen revolutionäre Zellen.

• Isegrim Z., Tenerife 2008 – barrikade #1

Leseempfehlungen:

• Richard Müller

Vom Kaiserreich zur Republik – 2 Bände, Wien 1924
Der Bürgerkrieg in Deutschland, Wien 1925

Biografie von Ralf Hoffrogge über den Führer der ‚Revolutionären Obleute’: Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution. (dietzberlin, Herbst 2008)