Zwei Sozialisierungsfragen

Verlag der Syndikalistischen Föderation Hamburg

Berlin, 1919

  • 1. Wer soll sozialisieren?
  • 2. Ist die zusammengebrochene Wirtschaft für die Sozialisierung reif?

Wer soll sozialisieren?

Die November-Revolution hat den offensichtlichen Beweis erbracht, daß die deutsche Arbeiterklasse den Mut nicht finden kann, die Revolution bis zum Sozialismus durchzuführen. Vom sozialistischen Standpunkte aus betrachtet befindet sich die deutsche Arbeiterklasse in ihrer Mehrheit in einem bedauernswerten Zustand. Sie ist in politische Parteien gespalten, die alle den Wortsozialismus üben, aber den Tatsozialismus verleugnen; sie kann sich weder vom bürgerlichen Denken noch von der sklavischen Voreingenommenheit befreien, die Lohnarbeit sei etwas unabänderlich Gegebenes, etwas Natürliches, dem sie nie entrinnen könne. Die politischen Parteien hypnotisieren die Arbeiter mit Schlagwörtern. Die eine Partei verspricht, wenn möglich, immer noch mehr wie die andere. So wird das politische Denken des Arbeiters zerstückt und in einem Nebel von unklaren Vorstellungen gehalten. Das ist der leider so furchtstrotzende Urgrund aller Uneinigkeit in der Arbeiterklasse.

Die Klassenorganisationen der Arbeiter sind die sozialdemokratische Partei, die zentralorganisierten Gewerkschaften und die mit der Hamburger Großeinkaufsgesellschaft verbundenen Genossenschaften. Die Partei sagt selbst von sich, daß sie die berufene Führerin der Arbeiter sei, die den Sozialismus erkämpfen werden. Die zentralen Gewerkschaften und Genossenschaften rühmen von sich, den Arbeiter die wirtschaftliche Organisation zu geben, die Produktion und Austausch zu übernehmen, den Kapitalismus abzulösen können. Die Partei wollte ihr Ziel erreichen durch die Eroberung der politischen Macht. Die Gewerkschaften wollten den Tageskampf um die Verbesserung der Lohnarbeit führen, dabei die „konstitutionelle Fabrik“ vom Unternehmer abhandeln und auf diese leichte Art den Unternehmer aus seinem Betrieb schließlich herauszudrängen. Die Genossenschaften wollten die Arbeitergroschen zusammensparen, damit die sozialistische Produktion beginnen und den Kapitalismus niederkonkurrieren. Das alles haben die Arbeiter geglaubt. Es war ihnen zum Evangelium geworden. Und nun, wie es ernst wird, wie die Revolution da ist und gebieterisch die Vollfüllung jener Versprechen fordert, nun kommt das grausame Erwachen. Die drei großen Heersäulen des organisierten Arbeitsvolkes erklären einmütig und mit freier Stirne: Wir können nicht! Wir können nicht sozialisieren!

Die führenden Genossen mögen den besten Willen und die ehrlichsten Absichten gehsbt haben, auf den Wegen, die sie als richtig erkannten, das hehre Ziel des Sozialismus zu erreichen. Aber heute, nach sechs Monaten Revolution, ist es augenfällig erwiesen, daß sie sich getäuscht haben. Sie geben ja selbst zu, das Kampfspiel verloren zu haben, wenn sie nun im kritischen Augenblick sagen, wir können nicht. Die Sozialdemokratie hat eine fünfzigjährige Tätigkeit hinter sich. Die zentralen Gewerkschaften blühten in großen Zahlen seit drei Jahrzehnten und in derselben Zeit nahmen die Genossenschaften einen schönen Aufstieg. Und auf der Höhe ihrer Macht ereilte sie der Weltkrieg. Sie schlossen den „Burgfrieden“ mit den Feinden der Arbeiterklasse. Sie halfen die nationalen Leidenschaften schüren, sagten: der Tod auf dem Schlachtfelde sei auch für den Arbeiter patriotische Pflicht. Wenn man auch schaudert, das von den „Klassenkampforganisationen“ feststellen zu müssen: es sind eben nackte Tatsachen. Der Zusammenbruch kam.

Jetzt auf einmal ist die Arbeiterklasse nicht „reif“, selbst sozialisieren zu können. Jetzt könne man bei der Sozialisierung auf die Mitwirkung bürgerlicher Kreise nicht verzichten. Jetzt müsse manmit den Feinden des werktätigen Volkes, mit der Bourgeoisie eine Regierungsgemeinschaft, die „Demokratie“ bilden, um die Sozilisierung in die Wege leiten zu können usw.

Als weiteres Hindernis gegen die Sozialisierung wird vorgeschützt: der Kapitalismus liege in Trümmern. Auf diesem Trümmerfelde könne kein Sozialismus erblühen. Erst müsse der Kapitalismus wieder auf der Höhe seiner alten Macht sein und überquellenden Reichtum für sich aus der Lohnarbeit herausgeschunden haben. Erst der dem Proletariate gestohlene Überfluß ermögliche den Sozialismus ….

Es muß ein netter Sozialismus sein, der sich in den antisozialistischen Schädeln der sozialdemokratischen Führung eingenistet hat! Es soll doch gerade der Sozialismus die gesellschaftliche Organisation der Arbeit und des Verbrauchs sein, die ein nie geahntes Maß von Gütern und Glück über die Menschheit schüttet. Es soll der Gesellschaftszustand sein, der die Arbeit ergiebig machen wird, wie nie zuvor. Der Sozialismus ist doch produktiv und verwaltungstechnisch dem Kapitalismus weit, weit überlegen. Ist dem so – und ohne Zweifel ist der Sozialismus die höhere, wenn nicht die höchste Steigerung der Ergiebigkeit nutzbringender menschlicher Tätigkeit – dann muß man doch logischerweise die zerschlagene Wirtschaft mit sozialistischen Arbeitsmethoden gesunden und nicht mit kapitalistischen. Eine verfehlte Weltordnung brach zusammen und man willeine neue nach der alten fehlerhaften struktur errrchten!

Mit solchen Scheingründen wider die Sozialisierung erklärt die sozialdemokratische Arbeiterbewegung ihren inneren Zusammenbruch. Das wird auch der Teil der Arbeiterschaft begreifen müssen, dessen Denken von doktrinären Parteilehren eingeengt ist. Und damit ist es ohne weiteres klar, daß weder die Sozialdemokartie, noch eine sozialdemokratische Regierung oder gar eine Koalitionsregierung, wie wir sie gegenwärtig (1. Mai 1919) in Deutschland haben, fähig wäre, so zu sozialisieren, daß daraus die sozialistische Gesellschaftsordnung erwachsen könnte.

Der Fundamentalirrtum, an dem die Arbeiterbewegung leidet, und der die soziale Revolution nicht aufkommen läßt, ist, daß die Sozialdemokratie allgemein für sozialistisch gehalten wird. Dafür gibt sie sich aus. Sie ist es aber nicht. Und sie kann es nicht sein. Sogar ihr Name schließt den Sozialismus aus. Als „Demokratie“ muß sie die politische Gemeinschaft mit den besitzenden Klassen, mit den Todfeinden der Arbeiterklasse aufrechterhalten. Es wäre doch ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie die Ausbeutung mit Einwilligung der Ausbeuter beseitigen könnte! Die Sozialdemokratie ist eine bürgerliche Reformpartei. Als solche war sie immer tätig, und als solche muß sie für die soziale Revolution versagen. Über den Staatskapitalismus kann die Partei nicht hinaus. Auch der Staatssozialismus ist unmöglich, denn Staat und Sozialismus schließt einander aus. Der Staat ist die zusammengefaßte Obrigkeit über die Lohnarbeit. Er sorgt für die Arbeiter insoweit, daß sie fortarbeiten können, Lohnsklavennachwuchs aufziehen und dabei ruhige Untertanen bleiben. Der Sozialismus organisiert die freiwillige Arbeit. Der Zwang fällt fort und damit sind die Obliegenheiten des Staates erledigt. Der Sozialismus bedarf des Staates nicht; der Sozialismus kennt nur die Demokratie der werktätig Gleichberechtigung. Die Kommune ist die politische Organisation der sozialistischen Arbeits- und Austauschweise. Der Sozialismus stellt die Arbeitsfähigen in die nutzbringende Produktion. Militär, Handel, Bureaukratie sind dann nicht mehr. Die Arbeit wird zur Last, die Arbeitszeit kann außerordentlich begrenzt werden. Die sozialistische Erziehung bildet die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen harmonisch aus. Das Regieren hört auf. Das Verwalten wird Ehrenpflicht, wie jede andere nutzbringende Arbeit. Minister, Parlamentarier, zünftige Richter, Berufssoldaten usw. usw. werden als Schreckbilder einer überwundenen Zeit höchstens noch als Verpuppte im Panoptikum gezeigt. Der Staate gehört der Geschichte an. –

Kann die Sozialdemokratie, können politische Parteien nicht sozialisieren, wer soll es denn tun? Die Beantwortung dieser Frage ist dem gesunden Menschenverstand außerordentlich leicht! Was soll sozialisiert werden? Die Arbeitsmittel sollen sozialisiert werden. Das ist der Grund und Boden, die Rohstoffe, das sind die Bergwerke, die Fabriken, die Verkehrsmittel. Steht man der Sozialisierung ohne politische Voreingenommenheit gegenüber, so ist es ohne weiteres selbstverständlich, daß sie nicht Politikern oder Verwaltungsorganen anvertraut werden darf, die mit der Gütererzeugung und –verteilung nur mittelbar zu tun haben. Die Sozialisierung muß von den Arbeitern durchgeführt werden. Die Arbeiter erklären die Arbeitsmittel für das Eigentum der Allgemeinheit; sie behalten die Arbeitsmittel in ihrer Verwaltung, sie schaffen nach bestem Können nicht nur für private Interessen, sondern für das allgemeine Wohlergehen. Die Sozialisierung liegt im ureigensten Interesse der Arbeiter, sie ist die Befreiung der Arbeit aus dem Joche der Lohnknechtschaft durch die Arbeiter selbst.

Aber da hören wir die Mießmacher des Sozialismus wieder schreien: „Die Arbeiter sind ja für die Leitung der Produktion gar nicht reif! Merkwürdig: Den Reichspräsidenten in der neugebackenen Republik macht ein früherer Sattler, den Ministerpräsidenten mimt ein ehemaliger Schriftsetzer; jedoch – selbst der unansehnlichste Handwerksbetrieb soll nicht von Arbeitern geleitet werden können?! O, wie wenig Vertrauen haben doch die Herren Politiker zur werktätigen Menschheit! Die Kopfarbeiter werden nicht mittun, sagt man. Die Kopfarbeiter werden mittun, wenn die vom Kapitalismus künstlich errichteten Schranken zwischen geistigen und manuellen Arbeitern gefallen sind. Der Einheitslohn, die Einheitsbehandlung, die Möglichkeit, an den vorhandenen Kulturgütern gleichen Anteil zu haben, die Sicherheit, nicht mehr vor seinem schnodderigen Chef kriechen zu müssen, das Bewußtsein der persönlichen Unabhängigkeit und Freiheit wird den Lohnsklaven im Stehkragen ihre Menschenwürde wiedergeben. Die sozialistischen Organisationen der Arbeit wird im technischen und kaufmännischen „Angestellten“ das sozialistische Bewußtsein begründen. Die Werbekraft des Tatsozialismus wird im Menschengeiste Wunderdinge vollbringen. Und außerdem: man gebe doch den Arbeiterräten das weiteste Betätigungsfeld in den Betrieben. Der praktische Anschauungsunterricht wird sie in kurzer Zeit herranreifen lassen.Eins ist allerdings nicht reif für die „Sozialisierung“. Das sind die von der Partei paralisierten Hirne der Ebert, Scheidemann und Genossen. Sie haben der Revolution seit Jahrzehnten im voraus den genauen Weg vorgeschrieben. Keinen Strich daneben soll das kraftstrotzende Weib im feuerwallenden Lockenhaar wandeln. Tut sie es dennoch …. nun, dann knattern eben die Maschinengewehre des Herrn Noske.

Die Arbeiter bedürfen einer unabweisbaren Voraussetzung für die Reife, selbst sozialisieren zu können. Das ist die proletarische Einigkeit. Das ist die Organisation in revolutionären Gewerkschaften. Der alte Parteihader muß verstummen. Gegensätze der Weltanschauung müssen schweigen. Die Sozialisierung soll den Sozialismus vorbereiten. Den Sozialismus, der es jedem gestatten wird, nach seiner Fasson selig zu werden.

II.

Ist die zusammengebrochene Wirtschaft für die Sozialisierung reif?

Ob der Trümmerhaufen der durch den verlorenen Krieg zusammengebrochenen kapitalistischen Wirtschaft wieder in die Höhe gebracht werden kann, indem man die Arbeitsmittel sozialisiert, das hängt davon ab, wie die Sozialisierung angefaßt wird. Sozialisierung, wie sie von der Sozialdemokratie gedacht ist, müßte den vollendeten Zusammenbruch herbeiführen. Schließlich sind die Ebert-Scheidemann-Wissel keine Dummköpfe. Sie wissen es, daß sie nicht herbeiführen können, was die Sozialdemokratie den Arbeitern ein halbes Jahrhundert hindurch versprochen hat. Darum reden sie von Sozialisierung, hüten sich aber, sie ernsthaft in Angriff zu nehmen.

Wie die Sozialisierung der Arbeitsmittel nur von Arbeitern durchgeführt werden kann, so muß auch bei der Durchführung gänzlich das Interesse der Arbeitenden entscheidend sein. Die Sozialisierung ist doch der einzig mögliche Weg zum Sozialismus. Der Sozialismus ist nur möglich durch und für die Arbeitenden. Also dürfen bei der Sozialisierung nicht die Interessen Nichtarbeitender: Kapitalisten und Kapitalistengruppen oder deren Interessenvertretungen: politische Parteien, berücksichtigt werden. Die Sozialdemokratie aber will sozialisieren, indem sie den Sozialismus auf den Kapitalismus pfropft. Beides soll zusammenwachsen. Die Interessen der nicht produktiv Tätigen und der Arbeitenden sollen gleichermaßen berücksichgt werden. Wie sollte das wohl enden? Die Sozialisierung wird vorgenommen zum Zwecke des Allgemeinnutzens. Die Nichtarbeitenden: Kapitalisten, Rentennießer belasten den Allgemeinnutzen. Nicht nur das. Ihre Interessen laufen den Allgeneininteressen entgegen. Sie werden einfach Sabot und passive Resistenz üben, um ihren Drohnenanteil zu erhöhen. Weil sie im Besitze von Kapital bleiben, werden sie leicht Erfolg haben. Ein solcher Sozialismus ist aber nicht möglich; er ist ein Phantasiegebilde sozialdemokratischer Halbheit.

Der Sozialisierung muß die Beschlagnahme der Banken durch das diktatorische Proletariat voraufgehen. Sonst bleibt jede Sozialisierung in der Luft hängen. Der Kreisumlauf des Geldes und der Tauschwerte muß unter die Aufsicht der revolutionsexekutive gestellt werden. Dann ist die Sozialisierung im Prinzip und materiell vollzogen.

Andererseits müssen bei der „Sozialisierung“im sozialdemokratischen Sinne die Arbeiter ebenso mit der passiven Resistenz antworten, gegen welche selbst Ludendorffsche Militärstrategie ohnmächtig ist. Mit welchem Rechte sollen denn die bisherigen Ausbeuter und Unterdrücker entschädigt werden? Sonst werden doch die kleinen Diebe, die aus Armut und Hunger stahlen, ins Gefängnis gesteckt. Und die großen sollen Prämien dafür erhalten? Welche Regierung will es wagen, bei der Sozialisierung das alte unmoralische Gesellschaftsprinzip der Bereicherung auf Kosten der Arbeit anderer anzuwenden! Eine Arbeiterschaft, die sich das gefallen ließe, gibt es nun nicht mehr in Deutschland.

Bleibt das Lohnsystem bestehen, so wird die Folge das ständige Anschwellen „unerfüllbarer“ Lohnforderungen und Arbeitsbedingungen sein. Dazu wird möglichst wenig geleistet werden. Die geborstenen Fundamente des Kapitalismus werden nach und nach verkrümeln, zerfressen von dem Gift syndikalistischer Klassenkampfwaffen. Zum Schluß wird man dann dem Proletariate die Diktatur überlassen müssen. Dann ist der „reine“ Sozialismus die einzige Rettung.

Die Arbeiter haben nicht nur das sittliche Recht des mit Gewaltmitteln brutal Unterdrückten, sondern auch die revolutionäre Klassenpflicht, durch passive Resistenz die „Sozialisierung“ der Scheidemänner, die nicht Sozialismus von Kapitalismus unterscheiden können, ihrer öffentlichen Macht zu entkleiden.

In gewohnter, parteipriesterlicher Art wird den Arbeitern die Anwendung der „Vernunft“ heiß empfohlen. Und die Demagogen erhalten zur Antwort: Ueber die Vernunft des Lasttieres ist die deutsche Arbeiterklasse nunmehr hinaus.

Wird die Sozialisierung von den Arbeitenden selbst vorgenommen, dann kann sie nur nach sozialistischen Grundsätzen geschehen. Die Arbeiter werden ein arbeitsloses Einkommen nicht weiterbestehen lassen, sie werden keine neuen Nichtstuer- und Herrscherschichten aufkommen lassen. Die gleiche Arbeitspflicht und das gleiche Recht an Verbrauch und Genuß sind die unabänderlichen Grundprinzipien einer sozialistischen Ordnung. Ist die Diktatur des Proletariats errichtet, hat die Revolutionsexekutive alle wirtschaftliche und politische Gewalt, dann ist damit auch die Sozialisierung der Arbeitsmittel vollzogen. Dann gilt die Sozialisierung nicht mehr den toten Werkzeugen und Stoffen, sondern der lebendigen Arbeit. Und wie das unter den gegenwärtigen erschwerten Umständen zu machen ist, darüber müßte sich eigentlich heute jeder Arbeiter klar werden, denn bei der sozialistischen Arbeit bedarf es des Denkens und überlegten Handelns jedes einzelnen.

Die Sozialstrategen von Weimar träumen immer noch von einer vergangegen Herrlichkeit, die für die Arbeiter die Hölle auf Erden war – sie träumen vom Wiederaufbau einer deutschen Großindustrie. Vier Jahre verlorener Weltkrieg, sechs Monate Bürgerkrieg sind ihnen gar nichts. Daß das Kriegsziel der Entente war, die deutsche Großindustrie zu eleminieren, die deutschen Schiffe von den Meeren verschwinden zu lassen, daß sie dieses Ziel restlos erreichte und durch die Friedensbedingungen voll ausnützen wird, will der „wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie noch immer nicht einleuchten. Die Friedensbedingungen lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Wirtschaftskräfte des Westens für Deutschland verloren sind. Die Entente wird natürlich nicht beide Rheinufer annektieren, aber sie wird sich den wirtschaftlichen Nutzen jener reichen Landstriche sichern. Damit wird Deutschland mindestens zur Hälfte wieder Agrarvolk.

Alle vernünftigen Deutschen sollten die durch den Krieg geschaffenen Tatsachen auf sich wirken lassen und die Romantik „vergangener Zeiten“ endlich ausgeträumt haben. Das zur Macht gekommene Proletariat hat demnach zunächst die Landarbeit sozialistisch zu organisieren, schon aus dem Grunde, weil wir ja vor allem der Lebensmittel bedürfen. Feld, Wald, Wiese dürfen in keines Menschen Eigentum gelassen oder neu verteilt werden. Sie bleiben Eigentum des deutschen Volkes. Landarbeitergenossenschaften vollziehen die Arbeit. Wäre das Proletariat am 9. November wirklich zur Macht gelangt, hätte es sofort begonnen, die Arbeit besonders beim Ackerbau sozialistisch zu organisieren, dann hätten wir innerhalb von drei Monaten eine gute Ernte zu erwarten. Der Acker ist vorhanden, die Arbeiter warten auf nutzbringende Tätigkeit. Es fehlt … woran mangelt es? Es fehlen Sozialisten, welche das Proletariat zur Ergreifung der Macht führen, daß es die Arbeit sozialistisch organisieren könne. Statt dessen ist die Arbeiterklasse gezwungen, durch Entziehung der Arbeitsleistung, durch weitere Verwirrung der kümmerlichen Wirtschaft eine Regierung zu beseitigen, die nicht sozialisieren will und kann, weil sie durch die famose Demokratie mit den Klassen verbunden ist, die vor der Sozialisierung beseitigt werden müssen. Die Revolution muß weitergeführt werden, weiter muß das ächzende Wirtschaftsleben bestreikt werden, weiter muß das Proletariat hungern! Das bringt nun einmal der revolutionäre Kampf mit sich. Die Verantwortung dafür trägt die Sozialdemokratie, die sich fälschlich als sozialistisch anpreist.

Mittlerweile hat das Proletariat alle Kampfmittel anzuwenden, die zum Ziele führen können. Zu ihnen gehört, neben der direkten Aktion der Streiks, die sozialistische Aufklärung. Die arbeitslosen, revolutionären Sozialisten müssen aus den Stadtteilen heraus und inn der Landwirtschaft Arbeit nehmen. Inmitten des landprolatriats haben sie ohne Unterlaß zu wühlen. Die Landarbeiter denken politisch natürlicher als die Masse der Industriearbeiter, denn sie wurden noch nicht in dem erschreckenden Maße wie die Städter durch sozialdemokratische Doktrinen verwirrt. Es gilt, die Landarbeiter gegen die habsüchtigen Großgrundbesitzer wie gegen die antikollektivistischen Bauernschädel mobil zu machen. Großgrundbesitzer und Bauern sind an unserem Ernährungsmittelelend unmittelbar schuld. Durch Sabot, dadurch, daß sie die Nahrungsmittel zurückhalten und lieber verderben lassen, daß sie ihren „Patriotismus“ nur gegen hohe Bezahlung betätigen, daß sie mit den Lebensmittelschiebern den sozialen Wucher in der verbrecherischten Weise organisieren, haben sie sich den schimpflichen Hyänenruhm erworben, die Totengräber der deutschen Volkskraft zu sein! Arbeiter, merkt es euch! So führen die Patentpatrioten ihren Klassenkampf. Darunter leidet das Landproletariat ebenso hart, wie das städtische. Haben die Volkswirtschaftler beim Aufbau des neuen Deutschland zuerst die Landwirtschaft zu sozialisieren, so ist im übrigen die Sozialisierung durch die Kommunalisierung der Arbeitsmittel und des Warenaustausches zu erledigen. Das Wort Kommunismus bedeutet dem verbissenen Sozialdemokraten der leibhaftige; er nimmt es lieber nicht in den Mund. Die Kommune ersetzt ja den Staat. Und welcher Sozialdemokrat wollte auf den Staat, dieser Gottheit aller Arbeiterausbeutung, verzichten! In der Kommune regiert niemand, die bisherigen Regierer müssen sich nutzbar betätigen. Nur Verwaltungsarbeit ist zu leisten. Dafür bedarf es nicht der zukünftigen Politiker. Das machen die Arbeitenden selbst. Die wirtschaftliche Verbindung zwischen den Kommunen und Arbeitsgemeinschaften wird einer – sagen wir Genossenschaft der Genossenschaften übertragen. Das wäre ein Gebilde, wie es heute die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine darstellt. Diese hätte auch die „nationalen“ Aufgaben zu erfüllen, wie den Verkehr, das Geldwesen einheitlich durchzuführen und den Auslandshandel zu leiten.

Die „Sozialisierung“ ist also keine gar so schwere Lösung. Sie wird sogar ganz wesentlich durch das zusammengebrochene Wirtschaftssystem erleichtert, denn eine in der Blüte stehende kapitalistische Wirtschaft hätte bedeutend größere Privatinteressen hinter sich. Aber freilich: nur von Sozialisten ist sie durchführbar.

Bis diese zur Macht gelangen, ist die gewaltsame Revolution notwendig. Nicht die Gewalt der Maschinengewehre und Gasbomben, denn damit unterliegt das Proletariat dem staatlich organisierten Militarismus. Es ist die wirtschaftliche Gewalt der Arbeitsentziehung, welche die Arbeiterklasse vermöge revolutionärer Gewerkschaften anzuwenden hat.

Aber die „sozialistischen“ Angstmeier erzählen den Arbeitern, die Sozialisierung hänge von der Zustimmung der Entente ab. Diese werde nur eine solche Wirtschaftsweise für Deutschland gestatten, die ihr die Einsackung einer sehr hohen Kriegsentschädigung ermöglicht. Die Arbeiter dürfen darauf gelassen antworten: „Die Entente kann uns den Buckel runterrutschen.“ Ganz abgesehen davon, daß es bei der Fortdauer des Lohnsystems den Arbeitern sehr gleichgültig sein muß, ob der ihnen vorenthaltene Teil ihres Arbeitsproduktes in deutschen, französischen oder sonst welchen Banken gespeichert wird – die Entente wird nur soviel Einfluß im neuen Deutschland haben, wird nur soviel Güter herausschlagen, als der revolutionäre Wille des deutschen Proletariats nicht in der Lage ist, es verhindern zu können. Wegen der Schulden, die eine verbrecherische Regierung hinterlassen hat, werden sich die Arbeiter nicht die Köpfe zerbrechen. Je unverschämter die Entente ihre „Friedensbedingungen“ in die Höhe schraubt, desto besser wird ihr Reinfall einmal aussehen. Denn erhalten wird sie bestimmt nicht den zehnten Teil dessen, was sie fordert. Dann wird man „uns“ wieder blockieren, vielleicht auch Truppen sogar bis Berlin und Königsberg werfen! Jawohl, das wird man. Aber schlimmer wie die Garden Noskes werden die „Feinde“ auch nicht gegen den Sozialismus wüten können. Und wenn eine neue Blockade unsere Hungerkur verlängert, dann wird die wirtschaftspolitische Orientierung von selbst kommen, die längst hätte geschehen müssen, nämlich die Verbindung mit Rußland. Was die „wissenschaftliche“ Sozialdemokratie nicht begreifen kann, die Fortdauer der Revolution wird es ihr einpaucken.

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