Streiken gegen den Krieg

Streiken gegen den Krieg

Die Bedeutung der Massenstreiks in der Metallindustrie vom Januar 1918

• VSA-Verlag Hamburg, August 2008, ISBN 978-3-89965-320-5 – 10,80 €

Das Buch dokumentiert überarbeitete Referate aus der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit der IGM. Herausgeber sind Chaja Boebel und Lothar Wentzel, die mit dem Erinnern an den großen Metallerstreik im Januar 1918 auch die Bedeutung der Arbeiterbewegung an der Entstehung der Weimarer Republik entreißen wollen.

Sehr aufschlußreich – wohl mehr für die Autoren als für unsereinen – ist die Tatsache, daß z.B. in Geschichtsseminaren dieser Historiker das Thema von Streiks in der Rüstungsindustrie während des I. Weltkrieges mit völligem Unverständnis aufgenommen wird, denn Streiks „mit Hunderttausenden von Beteiligten, darunter viele Frauen, trotz Polizeiwillkür, Belagerungszustand und der Gefahr, an die Front geschickt zu werden – das soll möglich gewesen sein?“

Als erstes erinnert das Buch an die Opposition im Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV, Vorläufer der IG Metall). Auf deren Gewerkschaftstag im Oktober 1919 wurde der Burgfriedenpolitik treibende Vorstand mit Zweidrittelmehrheit abgewählt und der Revolutionäre Obmann Richard Müller in den Vorstand gewählt; Vorsitzender wurde der Sprecher der Opposition, Robert Dißmann. Revolutionäre Obleute waren die gewählten gewerkschaftlichen Vertrauensleute des DMV in den Betrieben, die in Opposition zur offiziellen Verbandspolitik der Kriegsunterstützung standen.

Die Stimmung in der sozialdemokartischen Partei verdeutlicht ein Zwischenrufer auf einer Parteiversammlung im Frühjahr 1915 des rechten Reichtstagsabgeordneten Wolfgang Heine: „Wir sind vaterlandslose Gesellen und wir wollen es bleiben! – Unser Vaterland ist die ganze Menschheit! – Wer sagt Ihnen denn, das wir siegen wollen?“ Auf den Einwand Heines, daß eine deutsche Niederlage auch eine Niederlage für die deutschen Arbeiter sei und nur ein deutscher Sieg werde zur Beendigung des Krieges führen, antwortete der unbekannte Arbeiter: „Unsere Soldaten sollen die Waffen gegen die Tyrannen kehren.“

Der vergessene Aufstand

„Spontaner Wutausbruch oder geplante Aktion“? Diese Frage stellen sich immer wieder die Intellektuellen und Arbeiterführer, wenn sie die Geschichte der Klassenkämpfe zu analysieren versuchen. Allein aus der Formulierung „spontaner Wutausbruch“ spricht die Verachtung der Gewerkschafts- und Parteibürokraten für „die Kanallie“, die Proleten. Sie traut der Arbeiterklasse keine eigenständigen Handlungen zu. Als wenn der Arbeiter nicht selbst denken kann und allein von den Führern und Verbandsbeamten abhängig ist. Dies aber hat die Partei der Basis seit fünfzig Jahren eingehämmert und umso verdrießlicher reagierten die Bonzen auf Opposition, Spaltung und Kontrolle der Führung. Das Dogma der heiligen Einheit der Arbeiterklasse, die nur bei hundertprozentiger Organisierung unter der Führung der Partei den Sozialismus durchsetzen kann, wird mit Beginn des Krieges und der Burgfriedenpolitik der Generalkommission der Gewerkschaften (später: ADGB) in Frage gestellt.

Die politischen Massenstreiks wurden einzig und allein (mehr wissen wir bisher jedenfalls noch nicht?) von den oppositionellen betrieblichen Funktionären organisiert, die politisch in der USPD beheimatet waren, sich über diese Parteiversammlungen kennengelernt und ihr unabhängiges Netzwerk an Obleuten aufbauten. Ab November 1918 traten die radikalen Betriebsdelegierten dann als Revolutionäre Obleute auf, die vom Matrosensturm aus Kiel überrascht wurden. Seit dem Januarstreik hatten sie vollkommen klar erkannt, daß nur ein bewaffneter Aufstand den Frieden bringen würde; Waffen wurden besorgt und man rüstete sich für die nächste Schlacht. Aber die Kieler Arbeitermatrosen und Werftarbeiter waren schneller wie auch die Hamburger und Bremer Werft- und Metallarbeiter. Die Revolution erreichte Berlin als letzte, aber wohl wichtigste Bastion.

Erste Anzeichen bereits frühzeitg aus Kiel

In einer außerordentlichen Konferenz von Vertretern der Zentralbandsvorstände kamen fünf Tage nach dem Massenstreik in der Metallindustrie – der ja eigentlich mehr ein Munitionsarbeiterinnenstreik war – am 1. Februar 48 Zentralverbandsvorstände und die 13-köpfige Genrealkommission der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung zusammen. Hier sind zwei Dinge festzuhalten, die bemerkenswert sind: 1. informiert der Gewerkschaftführer Karl Legien über die „rein lokalen Vorgänge aus Kiel“, nämlich daß dort die Arbeiterschaft vorhabe „eine zentrale Körperschaft (einen Arbeiterrat für Deutschland) zu schaffen“. Mehr sei erstmal nicht zu berichten, da es „sich nur um eine lokale Bewegung handelt“ – wie wundersam, daß dann ausgerechnet die Matrosenrevolte aus Kiel den Umsturz einleitete, bevor in Berlin auch nur der erste Schuß fiel … und 2. waren sich die Herrschaften ganz bewußt: „[D]ie jetzigen Streiks haben dieselbe Tendenz, dieselben Urheber, wie die früheren. Es handelt sich hier um eine durchaus syndikalistische Tendenz.“ (DMV-Vorsitzender Schlicke) Und der Bauarbeitervorsitzende Paeplow erklärte: „Mit einer Zunahme der syndikalistischen Bewegung haben wir auf alle Fälle zu rechnen.“

Und die Syndikalisten?

Es ist nichts Neues, das historische Untersuchungen – und schon noch weniger verwunderlich, wenn sie von der IG Metall bezahlt werden – die syndikalistische Beteiligung an der Novemberrevolution 1918 verschweigen will. Einer der Mitautoren des Buches, Dirk H. Müller, müßte es besser wissen, hat er doch in seiner Arbeit Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte in der deutschen Gewerkschaftsbewegung vor 1918 (1987) ausführlich über die Freie Vereinigung der deutschen Gewerkschaften (FVdG) berichtet. Vergessen zu erwähnen hat er allerdings, daß die FVdG kurz nach Kriegsbeginn wegen ihrer antimilitaristischen Agitation verboten wurde (im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften!) und daß diese Bewegung sich nicht erst Ende 1918 nach der Revolution reorganisiert hat. Allgemein bekannt sollte auch bei offiziellen wie halboffiziellen Historikern des DGB sein, daß die syndikalistische Bewegung während des ganzen Krieges vielleicht nicht sonderlich aktiv war (wie auch unter diesen Bedingungen?), aber ihre Organisation zusammenhielt. Sie organisierte in Berlin nicht nur eine Antikriegsdemonstration im Augsut 1914 und rief zu Fahnenflucht und Desertion auf, nein, sie waren auch in den Betrieben präsent und agitierten in den sich bildenden linksstehenden Parteien (USP und Linksradikale).

Das ‚handelnde Subjekt’

Spaßig auch noch folgende Erkenntnis von Frank Heidenreich, pädagogischer Mitarbeiter an der Bildungsstätte Berlin der IG Metall, daß bereits Wolfgang Abendroth 1997 das „handelnde Subjekt“ in den Berliner Metallarbeitern und ihre Obleute als treibende Kraft erkannt hatte; weder der Spartakusbund noch die USPD waren handelnde Subjekte, welch‘ eine Erkenntnis! Auch zitiert er Abendroth, der in der „Niederlage“ vorhersah, daß dadurch „antigewerkschaftliche, linksradikale Haltungen“ verstärkt wurden, die sich in „zum Teil irrationalster Art auch unter diesen revolutionären Kadern aus[breitete], die nur noch auf das Prinzip der Räte setzen.“ Und warum war das so? Peter von Oertzen erklärte bereits 1976: „Die sozialdemokratischen Parteivertreter betrachteten den Streik nicht als eine Aktion der Arbeiterschaft als solcher. Die Arbeiter ‚als solche‘ waren für sie keine handlungsfähigen Subjekte. Handlungsfähigkeit, und das heißt damit auch handlungsberechtigt, waren in ihren Augen einzig und allein Partei- und Gewerkschaftsorganisationen; ihnen oblag auch die Führung der unorganisierten Massen.“

Und so lief das dann auch während der Weimarer Republik ab: jede der drei sozialdemokratischen Parteien wollte die Arbeiterklasse herumkommandieren. Das hat aber mit proletarischer Emanzipation rein gar nichts zu tun, es ist eine Arbeiterzüchtigungsbewegung, die am Gängelband der Partei hängt (Transmissionsriemen). Und ein eklatanter Widerspruch zur Parole der I. Internationale: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein!

Fazit

Es ist feige, wie diese Historiker, die aus dem Futtertrog der IGM Berlin fressen dürfen, jetzt alles so hindrehen, als wenn es damals nicht anders gegangen wäre – und diese Mißgeburt Weimarer Republik das Beste war, was wir bekommen konnten. Dieses Märchen wollen uns im übrigen alle Sozialdemokraten erzählen, linke wie rechte, ihre Verantwortung für den Faschismus, den ihre Führer Ebert, Noske, Scheidemann, ebenso auf sich geladen haben wie die späteren Stalinisten der Vereinigten VKPD aus USPD und KPD(S) um Dittmann, Haase, Ledebour, gilt es eben wortgewaltig zu vertuschen. Wie widerlich!

Was hat übrigens die metall – die Mitgliederzeitung der IGM – über den Massenaufstand gegen den Krieg 1918 geschrieben? Nichts!!! Da wundert es dann überhaupt nicht, daß die Arbeiterklasse kein Bewußtsein mehr hat. Aber daran haben die Gewerkschaftsbonzen der sozialdemokratischen „Einheits“gewerkschaften ja auch gar kein Interesse, also verschweigen und unterdrücken sie die historische Rolle der Arbeiterklasse, die damals noch für den Sozialismus kämpfte. Sie verteidigen weiterhin ihre bürgerliche Version von „Demokratie“.

Achso, spontan war die Januarstreik 1918 natürlich nicht, die Matrosenrevolte vom November 1918 allerdings auch nicht, denn seit 1917 gab es auf den Kriegsschiffen revolutionäre Zellen.

• Isegrim Z., Tenerife 2008 – barrikade #1

Leseempfehlungen:

• Richard Müller

Vom Kaiserreich zur Republik – 2 Bände, Wien 1924
Der Bürgerkrieg in Deutschland, Wien 1925

Biografie von Ralf Hoffrogge über den Führer der ‚Revolutionären Obleute’: Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution. (dietzberlin, Herbst 2008)

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