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Wer war Karl Roche?

Posted in Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Eine biografische Skizze

Ich kann mit der Feder ruhiger reden als mit der Zunge …

Das Archiv Karl Roche versteht sich als Regionales Archiv zur Dokumentation des Anarchosyndikalismus in Hamburg, das die Geschichte dieser Bewegung in Hamburg – Altona und Umgebung, dem ehemaligen Groß-Hamburg, dokumentieren möchte. Ziel der Archiv-Forschung soll die Aufarbeitung des geschichtlichen Anteils derjenigen Genossinnen und Genossen sein, die für den freiheitlichen Sozialismus und Anarchismus gekämpft haben. Der Verdrängung dieses Teil der radikalen Arbeiterbewegung soll entgegen gewirkt werden. Namensgeber ist der aus Königsberg stammende Hamburger Genosse Karl Roche – eine führende Persönlichkeit beim Aufbau der FAUD/S. Er verstarb am 1. Januar 1931 in Hamburg.

Karl Roche – „Isegrim“, „Diogenes“
* 31.10.1862 in Königsberg/Preußen als Johann Friedrich Carl Roche – +1.1.1931 in Hamburg
Verheiratet mit Emma, geb. Lange, geboren 22.8.1864 zu Thorn/Ostpreußen
Bauhilfsarbeiter, zahllose Haftstrafen als Agitator für die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung der Bauarbeiter, ab 1906
Angestellter des Bauhilfsarbeiter-Verbandes in Bochum und Hamburg – Eklat um seine Veröffentlichung Aus dem roten Sumpf, Übertritt zur FVdG. Aktives Mitglied der Hamburger Syndikalistischen Föderation, führender Kopf bei der Gründung der FAUD/S, kurze führende Rolle in der AAU in Hamburg; Beitritt zur Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) und Rückkehr zur FAUD/AS 1923, erster Beitrag im Syndikalist nach dem gescheiterten Putsch der KPD in Hamburg im Oktober. Veröffentlichte unzählige Agitations- und Theorie-Beiträge in der Wochenzeitung Der Syndikalist. Aktiv bis zu seinem Tode Anfang 1931.

Karl Roche
Am 1. Januar dieses Jahres starb unser ständiger Mitarbeiter, der alte Genosse Karl Roche in Hamburg, dessen Artikel unter ‚K.R.’ und vielen Pseudonymen alle unsere Genossen und Leser gut kennen. Mit Karl Roche ging einer der Älteren unserer Bewegung von uns, der ein langes Stück Geschichte der FAUD miterlebte. Einige Jahre vor dem Kriege kam er aus dem ‚Deutschen Bauarbeiterverband’ wo er Angestellter gewesen war, zur Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften. Schonungslos enthüllte er in der bekannten kleinen Broschüre ‚Aus dem roten Sumpf’ die Verhältnisse im zentralverbändlerischen Lager. Seitdem arbeitete Karl Roche mit kurzen Unterbrechungen an der Presse der deutschen syndikalistischen Bewegung mit. Auch rednerisch und als Verfasser einer Reihe von Broschüren half er an der Ausbreitung seiner und unserer Ideen mit. 1913 nahm er am Ersten Internationalen Syndikalistenkongreß in London, zusammen mit den Genossen Fritz Kater und Karl Windhoff, teil.
Sein letzter Gruß, den er uns unmittelbar vor seinem Tode schrieb, enthielt ein Versprechen weiterer schriftstellerischer Mitarbeit, der seine letzte Sorge galt. Der Tod aber hat ihn abgerufen. Karl Roches Leben war durch alle Stürme und äußeren wie inneren Kämpfe der Bewegung hindurch stets das Leben eines aufrechten Kämpfers. Ehre seinem Andenken“

(Der Syndikalist, Nr. 2/1931)

»Karl Roche gehörte schon vor dem ersten Weltkrieg zur FVdG, von Beruf Büroangestellter, hatte er vor dem Krieg im Seeschifferverein gearbeitet. Nach dem Krieg entfaltete er in Hamburg lebhafte Aktivitäten und publizierte bis 1930, seinem Todesjahr, im ‚Syndikalist’ und der ‚Internationale’ zahlreiche Aufsätze. K. Roche gehörte eher dem etwas puristischem syndikalistischen Flügel der FAUD an.«
(Angela Vogel, Fußnote 321)

Quellen:
• Staatsarchiv Hamburg – PP 331-3 S 7762 – Polizei-Akte der Polizeibehörde Hamburg – Abteilung II Politische Section

Deutsche Wobblies gegen den Anarchosyndikalismus ?

Posted in Barrikade #1, Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Eine Polemik aus besonderem Anlaß
Es ist schon befremdlich, dass sich hierzulande ehemalige FAU-Mitglieder den amerikanischen Wobblies, den Industrial Workers of the World, anschließen. Mittlerweile wird der Eindruck überdeutlich, daß die IWW-Germany eine reine Kopfgeburt ehemaliger Anarchosyndikalisten ist (»Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche!«).

Bis vor einigen Jahren wollten die IWW noch Mitglied in der revolutionär-syndikalistisch/anarcho-syndikalistischen Internationale, der IAA werden. Das scheiterte bereits mehrmals am internen Widerstand der nicht-libertären Mehrheit in der IWW – speziell in den USA und England. Nun betreiben die IWW einen neuerlichen Expansionskurs (der erste Versuch erfolgt 1918, der zweiter Mitte der Zwanziger Jahre, Aktivitäten gab es in Germany bis zur Zerschlagung durch den Nationalsozialismus) in viele nicht englisch-sprachigen Länder Europas und wollen hier erneut Fuß fassen. Bloß bei wem wollen sie Mitglieder abfischen? Sozialistische GewerkschaftsLinke organisieren sich immer und ewig im DGB und orthodoxe Kommunist/innen haben erst recht kein Interesse, ihre parteipolitischen All-machtsphantasien über die Arbeiterklasse an eine amerikanische Gewerkschaft abzugeben. Wer bleibt, sind Telefonzellen-Trotzkist/innen, die hier in Deutschland als angeblich anti-stalinistische bolschewistische Fraktion noch übrig sind (also diejenigen, die nicht ihrer Lieblingsbeschäftigung des Entrismus in der Linken oder der SPD nachgehen). Aus Ermangelung eines fruchtbaren unbeackerten Betätigungsfeldes für unionistische Ideen, kann es sich deshalb nur um einen Abwerbeversuch gegenüber dem organisierten Anarchosyndikalismus handeln, denn auch die versprengten Reste der Wildkatzen hegen ja keinerlei Organisierungsgelüste und sind eher auf einem ideologischen Fusionstripp mit einigen  Rätekommunist/innen, die wollen sich vielleicht selbst in der Kosmoprolet-Zeitschrift Aufheben. Die »Strömungs«-Linken  (wie z.B. die Interventionistische Linke um die Arranca) interessieren sich mehr für »action« als für GewerkschaftsArbeit und Betriebs-kampf, ihr Lebensmittelpunkt ist ja auch nicht die Fabrik oder das Büro. Der Gegner ist demnach die anarchosyndikalistische FAU-IAA, das beweisen auch die ersten Diskussionen in deren Chatroom und Holger Stuhlfauths Attacken in der Oktober-Ausgabe der graswurzelrevolution (#133) [1].
Dies nenne ich –schlicht dem amerikanischen militär-kapitalistischen Sprachgebrauch folgend– eine versuchte »feindliche Übernahme«. Mehr als ein Aufmucken ehemaliger FAU-Mitglieder, die enttäuscht das nächste Faß aufmachen, um sich selbst zu berauschen, wird das allerdings nicht werden. Bisher war es nämlich üblich, dass sich Wobblies den »nationalen« Gewerkschaften ihres Gastlandes anschlossen, in unserem Fall der FAU-IAA. Andere Länder, andere Sitten, so jedenfalls auf der UK-Insel (England, Schottland), in Italien und sonstwo. Hier fällt übrigens auf, dass die IWW mal nationalistisch sind, wie z.B. im Vereinigten Königreich von Littlebritan, denn dort gibt es eine IWW-UK und eine IWW Scotland (deren Farbe ist übrigens blau und nicht Wobbly-Rot), und im deutschsprachigen Raum geben sie sich explizit antinational, hier wurde alles unter einem German Language Area Members Regional Organizing Comitee (GLAMROC) [2] zusammenfaßt, also Öster-reich, Schweiz, Deutschland, und Luxemburg,  warum dann nicht gleich ein großdeutsches oder pangermanisches GMB?

Die IWW-Ideologie – Unionismus für Alle?
I »With the IWW, you also belong to a union that has a long term vision and plan to eliminate the bosses, make our industries and economy democratic, and stop war and want and inequality. So join us.«
http://www.iww.org/join/whyjoin.shtml

II »Die Industrial Workers of the World sind eine internationale revolutionäre Gewerkschaft, die im Jahr 1905 in den USA gegründet wurde. Durch diese Group kommunizieren und diskutieren die deutschen Mitglieder und UnterstützerInnen der IWW miteinander.

Ziel ist:
• der Aufbau der einen großen Gewerkschaft für alle ArbeiterInnen weltweit auch in Deutschland,
• die Überwindung des Kapitalismus und der Lohnsklaverei,
• die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel.«
http://de.groups.yahoo.com/group/IWW-Germany/

III »Die IWW repräsentiert einen eigenständigen Strang in der Ideen- und Organisationsgeschichte der Arbeiterbewegung, der als Unionismus be-zeichnet wird. Sie sieht sich als die ‚One Big Union‘, ein Zusammenschluss der gesamten arbei-tenden Klasse auf betrieblich/ökonomischer Basis. Wenngleich der Unionismus Elemente sowohl des Anarchismus als auch des revolutionären Syndikalismus in sich aufgenommen hat, zählten zu den Mitgliedern der IWW stets Arbeiterinnen und Arbeiter mit verschiedenen Weltanschauungen. Von anarcho-syndikalistischen Organisationen unterscheidet sich die IWW sowohl durch eine größere weltanschauliche Offenheit als auch im organisatorischen Aufbau durch eine weitaus weniger föderalistische, also zentralere Organisationsstruktur.«
http://de.wikipedia.org/wiki/IWW#Philosophie

Also – was denn nun? In Deutschland sind die Wobblies anscheinend etwas völlig anderes als in den USA. Die Amerikanischen Wobblies sind heutzutage nichts weiter als radikale, unpolitische Gewerkschafter, die eine friedliche Welt ohne Bosse fordern, sie wollen keinen Krieg und die Industrie und Wirtschaft demokratisieren. Selbstverständlich, Demokratie bedeutet Volksherrschaft – aber stehen diese langfristigen Forderungen der Original-IWW nicht in krassestem Widerspruch zu der deutschsprachigen Internet-Seite, die »die Schaffung einer befreiten Weltgesellschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichem Eigentums und der Kontrolle der ProduzentInnen über die Produktions- und Reproduktionsmittel« als Ziel proklamiert?
Das ist doch eine anarchosyndikalistische resp. revolutionär-unionistische Forderung nach einer sozialistischen Räterepublik. Davon ist aber  bei den US-Wobblies heute nichts mehr zu lesen. Der amerikanische Unionsmus der IWW war nie etwas anderes als revolutionärer Syndikalismus – und das ist ein politisch völlig anderes Konzept als der Einheitsorganisations-Unionismus von Teile der AAU und der AAU-E in Deutschland. Die AAU-E wie auch der Anarchosyndikalismus kämpften entschieden gegen politische Parteien und deren schädlichen Einfluß auf die Arbeiterklasse; die Wobblies lehnen Parteien nicht grundsätzlich ab.

Der Unterschied zwischen Unionismus
und anarchistischem Syndikalismus
Der Hamburger Anarchosyndikalist Karl Roche [3]veröffentlichte  bereits 1910  in der  syndikalistischen Die Einigkeit seine Meinung zum Unterschied zwischen Sozialismus/reinem Syndikalismus und den Aufgaben des Anarchismus: »Wir wurden ‚sozialdemokratische Anarchisten‘, wir wurden etwas Unmögliches: ‚Anarcho-Sozialisten‘. Ein Unding! (…) der Durchschnittsmensch (…) muß trachten, mit seiner Gemeinschaft die wirtschaftliche Macht zu erringen, muß – Sozialist sein. Wir wollen die Produktionsmittel zum Eigentum der arbeitenden Menschheit machen. Das wollen wir alle, ob wir uns nun Anarchisten oder Sozialisten nennen. Aber – ich meine – als Anarchist muß man noch mehr wollen: das gemeinsame Eigentum an den Produktionsmitteln darf dem Einzelnen nicht zur Fessel seiner persönlichen Freiheit werden. Ich kann mir vorstellen, daß in einer sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft mit staatlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Verpflichtungen der dann gewiß viel höher stehende arbeitende Mensch gerade darum, weil er ganz andere Begriffe von dem Menschenrecht hat, die Fessel dieser Gesetze und Verpflichtungen noch viel drückender empfinden wird als der heutige sozialistisch denkende Lohnarbeiter. Darum erachte ich es als eine Hauptaufgabe des Anarchismus, den sozialistischen Arbeitern zu sagen, daß der Sozialismus nicht das Ende der geschichtlichen Entwicklung sein kann, weil er dem Menschen nicht die volle persönliche Freiheit bringt.

„Das Täubchen liebt die sicheren Kreise,
Nicht fragend, ob’s gefangen sei;
Doch nur der Vogel auf der Reise,
Der heimatlose, der ist frei.“

(…) Nach meinem Dafürhalten haben die Anarchisten heute die eine Hauptaufgabe, den Arbeitern immer wieder vor Augen zu halten, daß auch der Sozialismus mit dem Verzicht auf persönliche Freiheit verbunden ist und daß die Kampfgemeinschaft mit den Sozialisten nur soweit reichen darf, als es gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung geht. Eine Verbindung aber von Anarchismus und Sozialismus den Arbeitern vorreden zu wollen, ist eine Täuschung, die sich einmal am Anarchismus selbst rächen muß. – Karl Roche.« [4]
Genau hier liegt der Hund begraben, hier liegt auch die Ursache für die Entstehung des Anarcho-Syndikalismus. Die I.W.W. kann diesen Wider-spruch nicht lösen. Man kann nicht einerseits gegen den Staatskommunismus leninistischer Couleur und dessen trotzkistische oder stalinistische Abarten wettern (»konterrevolutionär«! Paul Mattick 1933 [9]) und andererseits »den Arbeitern« vorgaukeln, als wenn mit radikal-reformistischen Parolen nach einer »Demokratisierung der Industrie» und der »Abschaffung der Lohnsklaverei« – dem Sozialismus schlechterdings – alles erreicht wäre. Wenn schon kämpfen, dann lieber für ein wirkliches Ziel, als »freier Zugvogel« und nicht als »zahmes Täubchen im sicheren Käfig«, sonst könnten wir doch gleich im DGB die linksradikalen Militanten mimen. Hat nicht Joe Hill gegen das St.-Nimmerleins-Prinzip sein »You get pie in the sky when you die« gesungen?
Internationale Gewerkschaft – was ist das?
Wie will eine »internationale Gewerkschaft« mit weltweit kaum mehr als 2.500 Mitgliedern (2006/07) einheitliche Arbeitsbedingungen und Löhne durchsetzen, wenn das noch nicht einmal innerhalb der Europäischen Union oder auch nur in einem einzigen deutschen Industriezweig (mehr) funktioniert, weil die Kapitalisten die Flächentarifverträge zertrümmert und die gelben DGB-Gewerkschaften das ohne Gegenwehr hinge-nommen haben. Um überhaupt das Bewußtsein für Flächentarife wieder zu schärfen, müssen die Proleten ihren Standesdünkel ablegen und die sozialistische Forderung nach gleicher Entlohnung aller Arbeiterkategorien wieder aufnehmen und durchsetzen wollen.
Natürlich sind weltweite Standards nicht erst wegen der kapitalistischen Globalisierung notwendig, sondern weil wir ‚von unten‘ über alle Bereiche unseres Lebens entscheiden wollen, egal in welchem Planquadrat des Planeten wir leben.
Aber es ist Unsinn, solange es noch nationale arbeitsrechtliche und tarifpolitische Unterschiede gibt, solange sind keine globalen Tarifverträge oder andere Vereinbarungen durchsetzbar.

►  Weder die ITF konnte in neunzig Jahren ihrer Existenz einen weltweit gültigen Tarif für Seeleute durchsetzen, obwohl die Seeschiffahrt global vernetzt ist.
►    Trotz europäischer Konzerne mit EU-Betriebsräten gibt es bisher keinen einzigen europäischen Tarifvertrag oder eine europäische Tarifpolitik des EGB.

Natürlich müssen wir dafür kämpfen, aber doch nicht als Mitglied einer amerikanischen Gewerkschaft! Die Wobblies zäumen zentralistisch das Pferd von hinten auf, wäre spannend zu wissen, ob z.B. alle Starbucks-workers in den USA den gleichen Lohn bekommen und wie die IWW Starbucks-IU hier für einen einheiltichen Tarifvertrag kämpft.

»Der Betriebsrat ist der Hausknecht des Unternehmers« – Parole der AAU, 1920
Wie sollen in Europa ganze 400 IWW-Mitglieder bessere „working conditions“ erkämpfen, wenn z.B. eine Kölner Betriebsgruppe der IWW im Juni 2008 nicht einmal soviel Rückgrat hatte, einen Betriebsrat zu gründen? [5]: Bei Boesner machte die IWW Germany alles falsch, was nur falsch zu machen war: keinerlei Ahnung von arbeitsrechtlichen Vorschriften und dem Betriebsverfassungsgesetz prägten hier die Aktion. Das dokumentiert das Flugblatt der Wobblies Köln, das vor dem Betrieb verteilt wurde. Im Industrial Worker July-August 2008 schreiben sie dann von einer bösen Unternehmens-Kampagne gegen die gewerkschaftliche Organi-sierung, vom »union busting« [5] – obwohl die Wobblies gar nicht als Gewerkschaft angetreten waren, IWW-Kolleg/innen wollten nur die Wahl eines Betriebsrates durchzusetzen. Hier macht ihr mehr Wind als ihr laue Luft gesät habt. Das war nicht besonders »modern« und steht garantiert nicht in der Tradition eines revolutionären Unionismus, Syndikalismus oder auch nur klassenbewußten linken Gewerkschaftertums.
Das war lächer- und peinlich, weil ihr ja damit prahlt, daß ihr in jeder Auseinandersetzung »bein-hart zu den Interessen der Lohnabhängigen«, steht, so steht‘s jedenfalls in Eurem Flyer. Überstunden verweigert ein jeder revolutionäre Gewerkschafter/Unionist schlicht und einfach durch die direkte Aktion der Ablehnung dieser Mehrarbeit und einem defekten Lastenfahrstuhl begegnet er mit einem Boykott dieses kaputten Arbeitsmittels – es hilft auch ein (notfalls anonymer) Anruf bei der Berufsgenossenschaft oder der Gewerbeaufsicht.

Starbucks – ein Flop
Und beim »Global Action Day« Eurer eigenen internationalen Starbucks Workers‘ Union wart ihr in ganz Deutschland nicht auffindbar – so mußte im Industrial Worker berichtet werden, daß die FAU-IAA den Aktionstag alleine bestritt … Auf der deutschen Homepage war auch tagelang kein Bericht zu finden. Sicherlich war der verantwortliche Redakteur im Urlaub, aber bei der ersten gemein-samen internationalen Aktion von IWW, der IAA und weiteren radikalen Gewerkschaften weltweit ist das mehr als ein Armutszeugnis.

Strategie und Taktik
Eure gewerkschaftliche Praxis und Strategie ist es auch, die uns nicht gerade zueinander bringt: die Wobblies nutzen die amerikanische Arbeitsgesetzgebung zur Durchsetzung ihrer Gewerkschaftsrechte (NLRB); anarchosyndika-listische Gewerkschaften vermeiden dies nach Möglichkeit und nutzen die Schlupflöcher eines verrechtlichen Paragraphendschungels. Wir an-erkennen das Tarifvertrags- und das Betriebs-verfassungsgesetz nicht, weil es sich dabei um post-faschistisches Arbeitsrecht handelt, das den Klassenkampf verbietet. Auch die Bevormundung durch den Staat, was eine Gewerkschaft ist und zu sein hat entspricht nicht unserer Vorstellung, denn eine Arbeiterorganisation, muß sich ihre eigenen Regeln geben und darf nicht zur Kollaboration mit den Ausbeutern gezwungen werden.
Ebenso skeptisch beurteile ich die Kampagnen-Politik der IWW, die über externe Organizer betriebliche Aktivitäten schüren. Gegen eine lokale Unterstützung von gewerkschaftlichen Kämpfen durch union supporters spricht natürlich nichts! Da sich das aber nur bei ‚dicken Fischen‘ »lohnt«, macht ihr brandworking (nur ein neues, amerikanisches Wort für Firmen-Boykott) zwangsläufig nur dort, wo überregionales oder nationaler Interesse/Öffentlichkeit besteht, so wie beim Kaffeekocher Starbucks. Ihr nehmt damit den Arbeiter/innen in ihrem Kampf einfach zu viele Arbeit in ihrer Selbstorganisation ab und damit auch – deren Entscheidungshoheit, ihre Autonomie über ihren Kampf. Außerdem führt diese Taktik dazu, dass die »unbedeutenden«, die kleinen Arbeitskonflikte nicht die gleiche Aufmerksamkeit der Organisation erfahren, es lohnt »medial« einfach nicht. Das kennen viele bereits von den riesigen deutschen Geister-Gewerkschaften. Andererseits, ihr seid ja auch zentralistisch organisiert – da müssen eben Prioritäten gesetzt werden …
Und die Wahrheit ist auch mal wieder eine andere:  die »brandworkers« (zu deutsch: Marken-Arbeiter) sind keine IWW-Veranstaltung [6], sondern eine neue »unabhängige« US-NGO [7], die  Arbeitern zu ihrem Recht verhelfen will. Daß aber ausgerechnet ein teufelsaustreibender Straßen-Happeningkünstler wie der Konsumverzichtsapostel »Reverend Billy« und ein echter Baptisten-Pastor zu den Haupt-agitatoren der »Brandworkers International« gehören, ist nur dann eine amüsante Angelegenheit, wenn uns »Was würde Jesus kaufen?«-Parolen der Church of Stop Shopping nicht nerven. Wenn das Joe Hill noch erleben müßte … aber vielleicht wird in den USA ja gerade die Arbeiterbefreiungstheologie gestiftet.

Die Londoner General Assembly – August 2008
Bitter steht es auch um das Demokratieverständnis der Wobblies. In der graswurzelrevolution [1] schreibt Heiner Stuhlfauth (Ex-FAU-Mitglied aus Köln), daß die »General Assembly der IWW« jährlich tagt, aber keinerlei Beschlußkraft besitzt. Dennoch entscheidet sie bzw. die finanziell mit dem nötigen Reisekleingeld ausgestatteten anwesenden Mitglieder – es ist also keine Delegierten-Versammlung! – darüber, welche schriftlichen Fragen allen IWW-Mitgliedern zur  Urabstimmung vorgelegt werden. Wie es scheint, wurde die Frage nach einer Dezentralisierung bzw. Regionalisierung der IWW erst gar nicht ins Referendum geschickt, weil der »Assembly-‘Filter‘« dieses »föderale Modell nach dem Vorbild der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA)« wohl nicht schmeckte, denn Kollege Stuhlfauth weiß seine gwr-Leser/innen darüber zu unterrichten, daß aufgrund »der Grabenkämpfe, Animositäten, ja Verrücktheiten der anarchosyndikalistischen IAA in den letzten Jahrzehnten (…) vor einem solchen Föderalismus nur warnen« kann. Seine abstruse Begründung für diese Einschätzung liegt darin, daß jede/r Arbeiter/in der Welt »jederzeit und überall« der OBU beitreten kann und daß es »prinzipiell keine nationalen Grenzen gibt und kein Denken in staatlich begründeten Kästchen und Territorien«. So ist es – aber dennoch sträubt sich eine »starke –  auch minoritäre – Strömung« in den USA gegen Veränderungen in diese Richtung. verständlich, denn dann würde die amerikanische Überlegen verloren gehen.
Bleibt es nämlich so bzw. kommt es gar nicht erst zur Abstimmung über den bösartigen Virus namens »Föderalismus«, dann können sich GLAMROC und BIROC (British Isles Regional Organizing Comitee) ihre Bemühungen um eine repräsentative Vertretung innerhalb der IWW abschminken. Denn auch so: die schweigende Mehrheit in den USA kann nach geltendem Statut jederzeit dieses Ansinnen ausbremsen – und futsch ist die weltweite Halluzination dieser englischsprachigen Industrie-Union. Damit verfliegt die angeblich »neue Blüte« der Perspektive, »erstmals »außerhalb des englischsprachigen Raumes, Fuß zu fassen« noch bevor sich die barrikade ihrer angenommen hatte.
Diese peinliche Attacke von Stuhlfauth gegen die IAA und damit das öffentliche Anbiedern an ehemalige und aktuelle Feinde oder ideologisch unsichere Kantonisten: einigen deutsche Wobblies fliegt ja vielleicht auch der Draht aus der Mütze, wenn sie erfahren, daß der bisherige General Secretary Treasurer (bezahlter Funktionär der IWW, Sekretär und Schatzmeister) kehlig-zornig  »I‘m a miner‘s son« auf dem Tisch interpretiert, von Beruf aber Prediger sein soll. Das fand Kollege Stuhlfauth so anhimmelnd, daß er gleich seine lutherischen Erbanlagen und Herkunft aus einem Bergarbeiterstädtchen mitteilen mußte. [1]

Linksradikaler Unionismus –
oder nur Gewerkschaftertum?
I »Wir haben Buddhisten, Anarchisten, Pazifisten, Sozialisten, Rätekommunisten, Christen und Karnevalisten (alle auch in weiblicher Ausführung) in unseren Reihen …«
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II »Die IWW ist nicht politisch definiert
Die IWW ist als Organisation nicht politisch definiert und mischt sich nicht in die politischen Überzeugungen oder Aktivitäten ihrer Mitglieder ein. Sie verlangt nur, dass politische Ansichten zu keinen Spaltungen innerhalb der Gewerkschaft führen. Dies erlaubt ArbeiterInnen mit ver-schiedenen politischen Überzeugungen sich im Kampf zu vereinen, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen. Die IWW konzentriert sich auf direkte ökonomische Aktionen (Streiks, Arbeitsniederlegungen, Boykotte), da die Ge-schichte zeigt, dass die politische Macht in den Händen derjenigen liegt, die auch die ökonomische Macht innehaben. Die IWW glaubt, dass alles, was ArbeiterInnen von PolitikerInnen gegeben wird, genau so schnell wieder weggenommen werden kann – vielleicht sogar mit Zinsen.« [8]

Die IWW bezeichnen sich als »Gewerkschaft für alle Arbeiter« – sie sind also eine Klassenkampf-organisation, die alle Arbeiter umfassen will, egal welcher politischen Meinung sie sind oder welcher politischen Organisation sie sonst noch angehören. Es  sollen sich also deutsche Stalinisten mit anarchistischen und rätekommunistischen Genoss/innen in dieser mini-globalen One Big Union miteinander organisieren und kämpfen – das ist ihre Bandbreite einer »größere[n] weltanschauliche[n] Offenheit«. Das macht keinen Sinn, denn sie kämpfen gemeinsam »nur« für ihre ökonomische Interessen – später stellen dann die einen die anderen wieder an die Wand, aus politischen Gründen!
Aus anarchosyndikalistischer Sicht widerspricht also nicht nur der Zentralismus der IWW unseren föderalistischen Strukturen, sondern auch ihre politische Toleranz, Hauptsache: Arbeiter!

Nur ein deutsche Wobbly-Supporters-Club
Zudem erlauben die gravierenden Unterschiede zwischen angelsächsischem und amerikanischem  Arbeitsrecht und dem westeuropäischem, latein-amerikanischem, afrikanischem und asiatischem  keine weltweite Einheitsgewerkschaft.
Deshalb ist die deutsche Wobbly-Filiale nichts weiter als ein Supporters-Club ihrer amerikanischen »fellow workers«, weil kein/e deutsche/r Arbeiter/in arbeits- oder verfassungsrechtliche Ansprüche als Mitglied einer US-Gewerkschaft in good old Germany geltend machen oder gar einklagen kann, denn als Gewerkschaft müßte die IWW Germany hier registriert sein, um »legal« aktiv werden zu können; in ihrer Satzung steht nirgends der Hinweis, dass sie eine Gewerkschaft nach deutschem Gewerk-schaftsrecht sind oder sein wollen.
Außerdem ist der Knochen der »Einheit der Arbeiterklasse« in einer einzigen Organisation ist für uns in Deutschland seit der vernichtenden Niederlage von 1919 abgenagt. Auch in Spanien, Frankreich und Italien wird es so etwas niemals geben, da müssen sich die Wobblies schon eine andere Arbeiterbewegung suchen.
Zur Aktivierung des globalen Klassenkampfes für eine freiheitliche Gesellschaft bedarf es einer funktionierende Internationalen Arbeiter-Assoziation in der die Wobblies ihre Arbeit im englischsprachigen Teil des amerikanischen Kontinents erledigen sollten.
Also, german comrades, schickt Eure delegate-at-large [10] und andere little helpers wieder nach Hause in die Vereinigten Staaten von Amerika, dort sollten sie zuallererst mal organizen und ihren Klassenkampf führen, da gibt’s ja bei nicht mal 2.000 Mitgliedern noch genügend Arbeit. Erst wenn wir überall wirklich eine reale Basis haben, können wir gemeinsam den globalen Klassenwiderstand nach dem immerjungen IWW-Motto: »An Injury to One is an Injury to All!« führen. ♦

• Folkert Mohrhof –  Archiv Karl Roche, Hamburg
Ex-IWW [x342180 / 1996] und Ex-FAU Hamburg

Was wir sind und was wir nicht sind

Posted in Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Was wir sind und was wir nicht sind

Die Barrikade ist eine Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus – eine Theorie-Zeitschrift gewissermaßen. Klar ist dabei, daß wir anarcho-syndikalistische und libertär-rätekommunistische Position vertreten.

Die Barrikade-Prinzipien sind

  • Grundsätzliche Ablehnung des nach-faschistischen Arbeitsrechts und der damit einhergehenden Regelementierung und Unterdrückung revolutionärer Betriebsarbeit, Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung durch ein sozialpartnerschaftliches Betriebsverfassungsgesetz, Tarif-, Arbeits- und nachgeordnetes repressives Sozialrecht.
  • Grundsätzliche Ablehnung von Betriebsrats-Arbeit und Abschluß von friedenspflichtigen Tarifverträgen, dagegen setzen wir gewerkschaftliche Betriebsgruppen, revolutionäre Vertrauens- oder Obleute, Arbeiterräte und Betriebsvereinbarungen ohne Friedenspflicht.
  • Ziel ist der libertäre Kommunismus in Form der industriellen und kommunalen Selbstverwaltung durch ein föderalistisches, antistaatliches und antinationales Rätesystem.
  • Der kapitalistischen Globalisierung von oben setzen wir die globale Klassensolidarität von unten entgegen – die Arbeiterklasse hat kein Vaterland, der Kampf des Proletariats ist nicht nur international, er ist antinational.

Begriffsklärungen:

  • Bar|ri|kade – Straßensperre (die Barrikade verschließt die Straße, aber sie öffnet den Weg).
  • Syn|di|ka|lis|mus – Romanische Bezeichnung für revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, ausgehend von der Charta von Amiens 1905 und der CGT in Frankreich; Ziel ist eine sozialistische Neugestaltung der Gesellschaft auf gewerkschaftlicher Grundlage durch föderierte autonome Gewerkschaften und deren lokale Zusammenschlüsse über Arbeitsbörsen. Aktuelle Vertreter sind die schwedische SAC, diverse italienischen Basisgewerkschaften wie Unicobas, die spanische CGT, die französische SUD Education und verschiedne andere, sie bilden auch die so genannte FESAL (Europäische Förderation Alternativer Gewerkschaften) und können nicht oder nicht mehr als revolutionär bezeichnet werden.
  • Unio|nis|mus – US-amerikanische Variante des revolutionärer Syndikalismus ohne eindeutige politische Ausrichtung. Ziel ist die eine einheitlich-zentralistische Organisierung aller Arbeiterinnen und Arbeiter in Industriegewerkschaften. In Deutschland seinerzeit die Allgemeine Arbeiter-Union. Derzeit vertreten durch die I.W.W., der Industrial Workers of the World aus den USA mit Mini-Sektionen in einigen anderen Ländern.
  • Anar|cho|syn|di|ka|lis|mus – Sozialrevolutionäre Bewegung auf gewerkschaftlicher Grundlage. Entstanden aus der Kombination von anarchistischen Zielen und revolutionärem Syndikalismus. Ziel ist der libertäre Kommunismus in unterschiedlichen Formen. International vertreten durch die spanische CNT, die deutsche FAU, die italienische USI und andere Sektionen der Internationalen Arbeiter-Assoziation, der IAA.
  • Die höchste Stufe des revolutionären Syndikalismus ist für die «Barrikade» der Anarchosyndikalismus, da seine Ziele die am weitestgehenden sind. Da wir mit dem revolutionären Syndikalismus und Unionismus auch die Ideologien und Organisationswelt des Links- und Rätekommunismus berühren, behandeln wir diesen Themenbereich allerdings nur in inhaltlich-ideologischer Abgrenzung und zur Aufarbeitung dieser gescheiterten Konzepte der revolutionären Arbeiterbwegung.

Barrikade – Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus erschienen

Posted in Uncategorized on Januar 12, 2009 by archivkr

Inhalt der Nullnummer #1 vom November 2008:

barrikade-1tb

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